Jan Schütte

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Auf Wiedersehen Amerika

Bye Bye America

Critic

Heimat ist stets anderswo: Jan Schüttes Film Auf Wiedersehen Amerika

Auf Farbe und Design scheint die korpulente Kundin wenig wert zu legen. Die gesuchte Handtasche müsse vor allem so groß sein, daß ein Ziegelstein hineinpasse, erklärt sie der verdutzten Verkäuferin. Im Lager findet sich solch ein Monstrum, flaschengrün. Befriedigt zieht die Kundin von dannen. »Willkommen in Amerika!« ruft ihr die Ladenbesitzerin nach: Da sei sie schon seit dreißig Jahren, entgegnet die Kundin in ihrem immer noch polnisch und jiddisch gebrochenen Englisch.

Das köstliche Sprachmischmasch zeichnet Jan Schüttes Film Auf Wiedersehen Amerika aus – und die fast zärtliche Hinwendung zum Detail: daß die Riesentasche wie gemacht ist für Genovefa Lustgarten in ihrer runden Leibfülle, daß die Verkäuferin, eine gebeugte und verhutzelte alte Dame, wie zum Inventar ihres Ladens in Brighton Beach zu gehören scheint, und so immer weiter in einem wunderschön lakonischen, bei aller Schwermut nie sentimentalen Film, der von jüdischen Emigranten in New York und damit von der Überlebenskunst Entwurzelter erzählt, ein Stück Kinofiktion mit dokumentarischem Ansatz, Menschenbeobachtung vom Feinsten. Irgendwann wird sich der Ziegelstein als Dollarbündel herausstellen, für dreißig Jahre redliches Putzen erworben. Zu dem Zeitpunkt sind Genovefa, ihr Mann Moshe und dessen Kumpan Isaak Aufrichtig längst mitten in einer Odyssee, die sie, allezeit eher Gestrandete als planvoll Reisende, über Berlin, wo sie unbehaust das Weihnachtsfest verbringen, bis ins Land ihrer Hoffnung, nach Polen, führt.

Eigentlich hätte Isaak die Wohnung des Ehepaars Lustgarten hüten, die Katzen füttern und die Blumen gießen sollen. Vor nichts graust es ihm mehr als vor der Enge eines Schiffs. Wie er das aushalten wolle, fragt Isaak seinen Freund, zwei Wochen mit dessen dominanter Frau in einer Schiffskabine, worauf Moshe entgegnet, er habe Sibirien überlebt, da werde er auch das überstehen. Aber dann muß Isaak umständehalber selber Reißaus nehmen, auf der Flucht vor einem Missverständnis, das ihm die Polizei auf den Hals hetzte.

Polen freilich kann der in dreißig Jahren genährten Illusion nicht standhalten. »Früher«, sagt Genovefa, »war Amerika drüben und zu Hause hier. Und jetzt ist alles anders.« Daß die Figuren, die Heimat immer dort suchen, wo sie gerade nicht sind, an allen Orten fremd bleiben müssen, ist für den Autor Thomas Strittmatter, der mit Schütte zusammen das Drehbuch schrieb, die Quintessenz einer Geschichte, die viel mit Ellipsen arbeitet und damit die Phantasie des Beschauers anregt, die bewußten Sprünge zu kitten. Nichts muß bleiben, was es auf den ersten Blick scheint – wie Moshes erdfarbener Blouson, der gewendet unversehens mit einem kräftigen Rot ins Bild knallt. Solche Farbtupfer fallen auf, weil Thomas Mauchs Kamera zurückhaltende Einstellungen bevorzugt, in denen Kälte, Leere und Unbehaustheit greifbar werden. Die Konzentration gehört ganz den Figuren, nur wenn sie sich Bewegung erlaubt sich die Kamera auch eigene Bewegungen. Bei einem Ensemble, wie Schütte es sich suchte, wird solch visuelles Sichbescheiden geradezu zur Pflicht. Otto Tausig charakterisiert seinen Isaak als Kauz mit soviel Charme, daß er am Ende in Polen gar eine Gefährtin findet, die er mitnimmt zurück nach Amerika; Jakov Bodos Moshe, der kleine Mann der großen Genovefa, ist die Chuzpe in Person; und wie Zofia Merle als Matrone die Männer beherrscht und sich doch weich beim Tanzen wiegen und drehen kann, daß muß man gesehen haben.

Hans-Dieter Seidel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.1994

Auf Wiedersehen, Amerika

Nach Drachenfutter (1987) und Winckelmanns Reisen (1990) richtet Jan Schütte auch in seinem dritten Spielfilm auf melancholisch-amüsante Art einen Blick auf Menschen, die auf der Suche nach der inneren und äußeren Heimat sind. Diesmal entführt er den Zuschauer ins jüdische Emigrantenviertel am Strand von New York, in dem der Klempner Moshe, seine Frau Genofeva und der Buchhalter Isaak in bescheidenen Verhältnissen leben.

Genofeva zieht’s zu Weihnachten in die alte Heimat Polen, also hebt sie ihr ganzes Vermögen ab und kauft zwei Schiffskarten. Isaak soll derweil die Katzen füttern, sitzt aber plötzlich mit in der Kabine, weil er die Polizei wegen seines windigen Jobs auf seinen Spuren wähnt. Über einen Zwischenstopp in Berlin erreicht man Polen, wo Isaak Sofia kennenlernt, mit der er zurück nach Amerika geht, während Moshe und Genofeva ihren Traum vom eigenen Haus in Polen verwirklichen …

Jan Schütte ist auch hier seinem poetisch-dokumentarischen Inszenierungsstil treugeblieben, bezieht seinen (jüdischen) Humor aus dem Witz der Dialoge (»Wenn ich aufmache Beerdigungsinstitut, die Leute werden aufhören zu sterben«) und der genauen Beobachtung alltäglicher Situationen.

Sein elliptischer Erzählstil spart Nebensächlichkeiten und »Füllszenen« aus, konzentriert sich immer auf die Personen, die unaufdringlich, ja geradezu liebevoll portraitiert werden. Die »natürliche« Lichtsetzung und die stimmungsvolle Farbdramaturgie von Kameramann Thomas Mauch verleihen dem Film seinen atmosphärischen Reiz. Hinzu kommt die Darstellungskunst der vitalen Sofia Merle und ihres gewitzten (Film-)Ehemanns Jakov Bodo, die bezeichnenderweise den Familiennamen Lustgarten tragen.

Der Burgschauspieler Otto Tausig, der dem hintergründigen Humor von Isaak mit seiner prägnanten Physiognomie auch eine optische Entsprechung gibt, gehört zweifellos zu den Entdeckungen des deutschen Films.

Auf Wiedersehen, Amerika ist ein Glücksfall für das deutsche Kino. Hoffentlich müssen wir nicht wieder drei Jahre auf Jan Schüttes nächsten Film warten.

Rolf-Ruediger Hamacher, Filmecho