Jan Schütte

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Fette Welt

Fat World

Interview

Glauben an intelligente Unterhaltung

Regisseur Jan Schüttes Ausflug ins Penner-Milieu – Fette Welt

Mit seinem Kinodebüt Drachenfutter machte Jan Schütte in Venedig einst Furore. Dem preisgekrönten Asylanten-Drama folgte die hintersinnige Heimat-Komödie Winkelmanns Reisen. Mit der lakonisch komischen Emigrantengeschichte Auf Wiedersehen Amerika war Schütte in Cannes vertreten. Nun präsentiert der 41jährige mit Fette Welt eine Liebesgeschichte im Obdachlosenmilieu, in der Hauptrolle Jürgen Vogel. SUBWAY sprach mit dem Regisseur.

SUBWAY: Penner-Milieu statt Yuppie-Wohnküchen? Sind Sie der Don Quichotte im Kino-Komödienland?

Jan Schütte: Wenn man sich die Ergebnisse so anschaut, sind doch eher die anderen die Don Quichottes. Meine ersten drei Filme haben sich kommerziell sehr gut verkauft, auch international. Der kleine Film Drachenfutter wurde in 30 Länder verkauft. Das ist viel kommerzieller als mit Riesenaufwand und 3 Millionen Mark einen Film ins Kino zu bringen, der nur 500.000 Besucher macht. Schließlich zählt am Schluß nur das, was unterm Strich übrig bleibt – und da liege ich gar nicht schlecht.

SUBWAY: Ein Film über kleine Leute und Alltag ist zunächst aber weniger attraktiv als eine flotte Komödie …

Jan Schütte: Ich glaube noch an intelligente Unterhaltung. Ich finde es eher riskant, heute noch irgend so eine Beziehungskomödie zu machen. Fette Welt behandelt ein existentielles Thema. Zudem ist es einfach spannender, sich in extremen Zonen zu bewegen, als in der Mitte der Gesellschaft. Das lässt sich im internationalen Kino ähnlich beobachten: zugespitzte Situationen sind allemal interessanter als das Durchschnittliche.

SUBWAY: Ein Obdachlosenfilm klingt gefährlich nach Sozialarbeiterkino …

Jan Schütte: Obdachlosigkeit ist eine Sache, an der viele vorbeischrammen. Eine Pleite, eine Scheidung, und schon sitzt man auf der Straße. Das sind Probleme, die jeden betreffen können. Aber mir geht es weniger um so ein Außenseiterdrama. Mich interessieren die Geschichten und die Menschen. In diesem Fall erzählen wir eine Liebesgeschichte: da ist ein Junge, der mit allem abgeschlossen hat und eigentlich nichts mehr will vom Leben – ein untypischer Filmheld also. Als er bemerkt, dass er sich verliebt, passiert etwas mit ihm. Damit kommen ganz viele Sachen in Bewegung. In diesem Umfeld passiert alles sehr direkt, alles ist greller und chaotischer als in der normalen Welt. Die Verzweiflung ist größer, ebenso der überlebenskampf. Aber auch die emotionalen Ereignisse sind größer.

SUBWAY: Wie weit ging die Recherche im Penner-Milieu?

Jan Schütte: Grundlage war der Roman. Zudem haben wir viele eigene Recherchen angestellt. Ich habe mich intensiv mit vielen »Pennern« in München unterhalten. Und auch viele Statisten kommen aus dem Milieu. Wir hatten im Ensemble eine schöne Mischung aus Laien, Profis und echten Obdachlosen – das fand ich schöner, als sieben Staatsschauspieler zu engagieren, die nun mal einen Penner mimen.

SUBWAY: Wie bereitet sich Jürgen Vogel auf so eine Rolle vor – lebt er wochenlang auf der Straße a la Robert DeNiro?

Jan Schütte: Jürgen hat ja selbst eine sehr bewegte Biographie. Er hat mir einmal gesagt, er sei seit 15 Jahren beim Film, da hätte er genügend Penner kennen gelernt. Jürgen spielt den Hagen Trinker mit einer selbst für ihn ungewöhnlichen physischen Präsenz. Eine Fähigkeit, über die in Deutschland nicht viele verfügen. Seine Besetzung war keine Frage, sondern eine Grundvoraussetzung für den Film.

SUBWAY: Der Held heißt Hagen Trinker – ist das nicht ein bisschen platt?

Jan Schütte: Zugegeben, das ist schon ein bisschen grenzwertig. Aber der Held hieß im Roman schon so, deshalb haben wir das beibehalten. Ein wenig Respekt muss man der Vorlage schon zollen. Schließlich gibt es eine ganze Hagen Trinker-Trilogie.

SUBWAY: Welchen Einfluss hatte der Romanautor Helmut Krausser auf den Film?

Jan Schütte: Krausser hat das Drehbuch gelesen und einige Kommentare dazu gemacht. Aber er hatte keinen direkten Einfluss auf das Projekt. Vom fertigen Film war er ganz angetan. Wobei es natürlich immer schwierig ist für einen Autoren, seine Phantasien auf Leinwand zu erleben.

SUBWAY: Auch Detlev Buck hat einen Penner-Film gemacht – war das ein Wettrennen beim Drehen?

Jan Schütte: Die Nachricht tauchte irgendwann einmal während der Dreharbeiten auf. Dann sagen alle, um Gottes willen, da müssen wir mit unserem Filmstart möglichst weit weg davon kommen. Das haben wir auch gemacht. Kurz vor der Berlinale haben wir einen ganz guten Starttermin, da bleibt noch Luft, damit sich der Film im Kino entwickeln kann. Den Buck habe ich selbst noch gar nicht gesehen.

SUBWAY: Schüttes Film-Philosophie?

Jan Schütte: Ich mag das Geschwätzige nicht sehr. Weglassen funktioniert meist besser als Auszuwalzen. Man muss ja nicht immer mit einem bombastischen Feuerwerk die Zuschauer niederschmettern. Man kann auch mit sehr kleinen, elliptischen Erzählformen arbeiten, ohne dabei auf die Nähe und die Gefühle für die Figuren zu verzichten. Mit solchen kleinen Momenten lässt sich eine viel intensivere Stimmung erreichen als mit dieser gigantischen Gefühlssauce. Ohne mich vergleichen zu wollen, aber Warten auf Godot ist doch auch Entertainment. Ich mache lieber Filme darüber, wie ein Mann seinen Hund ausführt als über den Kaiser von China.

SUBWAY: Ihr Ratschlag für Kinogänger, was soll das Publikum erwarten, »Jürgen rennt«?

Jan Schütte: Eher »Jürgen steht«, im Ernst: erwarten sollten die Zuschauer einen schönen warmen Film über eine Welt, die man selten sieht. Und freuen kann man sich auf einen sehr spannenden und aufregenden Jürgen Vogel.

Quelle: http://www.subway.cc/magazin/1999/02jan.shtml

Interview: Dieter Oßwald