Jan Schütte

de / en

Unsere 50er Jahre

Wie wir wurden was wir sind

Critic

Harte Schule der Nation

Sehenswerte ARD-Dokumentation über Unsere 50er Jahre – Wie wir wurden, was wir sind

Es sind Geschichten von gelungener Integration, die Thomas Kufus und Jan Schütte in ihrem rühmenswertes Sechsteiler Unsere 50er Jahre ausbreiten. Die Sudetendeutschen, die es nach Bayern verschlagen hat. Die Hallenserin in Norddeutschland. Die Breslauerin in Ost-Berlin. Der Altmärker im Ruhrgebiet. Und der polnische Jude, der nach einem wirren Schicksal als Displaced Person ausgerechnet in Frankfurt blieb.

Sie alle haben sich der neuen Heimat sogar sprachlich anverwandelt, man hört bei ihrem Hochdeutsch die regionalen Färbungen. Nicht nur die fast zwölf Millionen Heimatvertriebenen mußten nach dem Zweiten Weltkrieg völlig neu beginnen in Gegenden, die ihnen fremder waren als es uns heute manche EU-Nachbarländer sind. Genauso erging es Abermillionen Flüchtlingen aus der DDR. Oder den Ausgebomten und Evakuierten, die oft erst lange nach 1945 ihre notdürftigen Unterkünfte auf dem Land verlassen konnten und nicht immer in die alten Wohnorte zurückkehrten.

Auch die Familien setzten sich oft ganz neu zusammen: Das sudetendeutsche Geschwisterpaar verlor den Vater durch Selbstmord, denn der einst geachtete Apotheker hatte den Statusverlust in der neuen Heimat nicht ausgehalten. Der Junge aus Remscheid erfährt erst als Erwachsener, daß sein Vater nicht einfach in einem Gefangenenlager der Briten gestorben ist, sondern als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Sein bester Freund verkraftet dagegen ausgerechnet die Tatsache nicht, daß der Vater wieder da ist und bringt sich mit E 605 um. Die Großgrundbesitzer aus Halle müssen jahrelang ertragen, daß das Familienoberhaupt als Staatsfeind verschwunden ist und sie nicht einmal wissen, ob er noch lebt. Und als der ehemalige Lehrer endlich aus der Gefangenschaft nach Bayreuth zurückkommt, hat seine Frau einen neuen Mann, den die Jungen schon »Vater« nennen.

Kufus und Schütte erzählen solche Geschichten ohne den auftrumpfenden Finderstolz, der zum Klischee historischer Dokumentationen geworden ist. Ein besonderes Loblied muß auf die Archivrecherche von Karin Fritzsche und Andreas Teuchert gesungen werden. Deren atmosphärisch und inhaltlich aussagekräftigen Bilder und Töne wurden von Renate Merk zu einer Erzählung mit Spielfilmfluß montiert.

Man erfährt eher beiläufig fast vergessene Wahrheiten über das erste Jahrzehnt der beiden deutschen Republiken: Ein Schlager, in dem Wörter wie Vino und Amore sinnfrei aneinandergereiht werden, erzählt von deutscher Italiensehnsucht. Von einer Polio-Epidemie ist die Rede, die das Leben vieler Kinder und das Auskommen zweier Schaustellerbrüder bedrohte, weil nicht nur Schwimmbäder, sondern auch Rummelplätze aus Angst vor Ansteckung geschlossen wurden. Und all den oft betratschten Frauen, die damals mit Amerikanern anbändelten, widerfährt späte Gerechtigkeit: Es waren wohl nicht nur Zigaretten, Kaffee und Schokolade, die sie zu den Gis lockten, sondern auch Mangel an anderen Gelegenheiten, denn nach all den Verlusten durch Tod und Gefangenschaft kamen auf 15 Frauen in Deutschland nur zehn Männer.

Solche Rückblicke in die vermeintlich intakten fünfziger Jahre, diese harte Schule der Nation, haben seit einiger Zeit Konjunktur, und auch Politiker, die die Rückkehr zu den Aufbautugenden fordern, können sich wohlwollenden Kopfnickens sicher sein. Aber das Zaubermittel, mit dem man Europas kranken Mann wieder in ein boomendes Wirtschaftswunderland zurückverwandelt, ist in der Reihe, die unter Federführung des Hessischen Rundfunks entstand, nicht zu finden. Dafür zeichnen die Regisseure und Autoren Kufus und Schütte die Epoche viel zu leise und widersprüchlich – übrigens auch die DDR. Gewiß: Eine Kombination aus der Disziplin, von der die Zeitzeugin Rose Brock erzählt, und dem demokratischen Geist der Gegenwart wäre vermütlich die ideale Mixtur – nicht nur für die Schule.

Doch was vor allem auffällt ist, daß die Menschen damals trotz größerer Probleme weitaus weniger jammerten. Dieser Optimismus ist leicht zu erklären. Er rührte vom Gefühl, dem Tode knapp entronnen zu sein. Er hatte zu tun mit den großen Aufstiegschancen, die sich gerade jungen Männern boten – die mittelalten waren ja millionenfach im Kriege geblieben oder zunächst als Nazis gebrandmarkt. Und er wurde befeuert vom Gefühl, daß es auf niedrigem Niveau immerhin stetig aufwärts ging. Und da Optimismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, wurde die Hoffnung zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Kufus und Schütte erzählen dies am Beispiel von sieben Protagonisten und zahlreichen plastischen Nebenfiguren – unter Verzicht auf das ständige Herunterbeten von abgenutzten Schlüsselbegriffen wie Adenauer, Wirtschaftswunder, Caprifischer oder Elvis. Lieber konzentrieren sie sich auf aussagekräftige Nebensächlichkeiten: Anfang der fünfziger Jahre, so berichten die Schaustellerbrüder, war plötzlich mit Losbuden, auf denen man Freßkörbe gewinnen konnte, kein Geschäft mehr zu machen. Statt dessen wurden Berg-und-Tal-Bahnen mit aktueller Popmusik und Schiffschaukeln der Renner. Der Hunger war vorbei, Körperkontakt und Vergnügen wurden wichtiger.

Matthias Heine, Die Welt