Jan Schütte

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Isaak Bashevis Singer

Ich betrat die Welt Isaak Bashevis Singers an einem strahlend klaren Oktobertag des Jahres 1987.

Mein erster Spielfilm Drachenfutter war nach Chicago eingeladen worden. Es war meine erste Amerikareise und ich flog über New York. Tagelang wanderte ich durch die Straßen von Manhattan, überwältigt von den Bildern. Doch schließlich war ich erschöpft von all den Eindrücken, ich kannte niemanden und fühlte mich müde und einsam.

Ich nahm den Q Train und fuhr ans Meer nach Coney Island. Der Zug war leer und rumpelte von Station zu Station. Dann tauchte er plötzlich aus dem Untergrund auf, erklomm die Höhen der Manhattan Bridge und überquerte das endlose Brooklyn. Nach einer Stunde Fahrt blieb der Zug mit quietschenden Bremsen über der Brighton Beach Avenue stehen. Der Atlantik blitzte und funkelte nur einen Steinwurf entfernt zwischen den Häusern und von der Plattform hoch über der Straße hatte man einen wunderbaren Blick auf die Spaziergänger auf dem Boardwalk und am Strand.

Ich stieg die alte Stahltreppe hinunter und betrat eine andere Welt: Männer mit Schlägermützen, die Polnisch und Ukrainisch miteinander sprachen, oder Jiddisch, alte Frauen in Kattunkleidern mit bunten Kopftüchern. Alles wurde auf der Straße gekauft und gehandelt. Der Laden Aufrichtig verkaufte Delikatessen, und Lustgarten Damenoberbekleidung. Das Café Ukraina und das Restaurant Moskow warben in kyrillischer Schrift um Gäste. Auf dem Trottoir stapelten sich Berge von Kohlköpfen und ein schmaler kleiner Mann verkaufte Bücher und Tonkassetten mit russischen Hits der Siebziger Jahre. Darüber donnerte die Bahn nach Manhattan.

So hatte ich mir New York in den Dreißiger Jahren vorgestellt. Wirklich amerikanisch waren hier nur die Autos, riesige rostige Chevys und Chrysler und Dodges nicht aus den Dreißiger, sondern den Siebziger Jahren, deren Auspuffe über den löchrigen Asphalt der Brighton Beach Avenue klapperten.

Im Tanzpalast National traten original russische Artisten auf, dralle Sängerinnen und melancholische Klavierspieler. Auf den Tischen standen enorme Platten mir Würsten, kaltem Fleisch und geräuchertem Fisch. Pro Person gab es eine Flasche warmen Wodka und ein großes Glas eingelegter Gurken. Hier haderten die Gäste mit ihrem Schicksal und antworteten auf die Frage »How are you?« nicht mit »fine« sondern mit »awful«.

Ich wanderte den Strand entlang bis an die Spitze von Coney Island. Auf dem breiten Boardwalk patrouillierte ein Polizeiauto im Schritttempo. Der Astroland Park mit seinen alten Fahrgeschäften lag verschlafen in der Sonne, nur wenige Jugendliche amüsierten sich in der hölzernen Cyclone-Achterbahn.

Ich lief zurück nach Brighton Beach. Am Horizont konnte ich ein paar Frachtschiffe erkennen, die New Jersey anliefen, und am Himmel hingen die Morgenmaschinen aus Europa auf dem Weg zum nahen John-F-Kennedy Flughafen. Aus den Restaurants am Boardwalk schepperte dieselbe russische Popmusik, die man unter der Hochbahn kaufen konnte. Ich aß Borscht und Pelmeli, die natürlich viel besser waren, als man sie je in Russland bekommen konnte. Der Wind wehte kühl an die Häuserwände und der Blick aufs Meer machte melancholisch. Hier war Europa und Amerika zugleich, ein vergessener Ort am Rande von New York und am Rande von Amerika. Man kann Deutschland nur aus der Ferne begreifen, dachte ich. Vielleicht waren Odessa und Berlin hier deswegen so nah.

Auf dem Boardwalk machte ich die Bekanntschaft zweier Emigranten: Irving Lanchart und Abraham Herzhaft. Beide standen am Geländer, schauten über den Atlantik und träumten von einem Europa, das es so schon lange nicht mehr gab. Sie sprachen amerikanisch, jiddisch, polnisch und deutsch durcheinander und waren neugierig, wie es in Deutschland aussah, was ein Brot und ein Bier kostete, oder eine kleine Wohnung in Hamburg.

Irving war als kleiner Junge in einer Nacht im Herbst 1938 von der Hamburger Polizei geweckt worden, er und seine Eltern hatten polnische Pässe und so wurden sie nach Polen abgeschoben. Die Reise führte weiter über Moskau und Japan nach Shanghai, wo er den Krieg überlebte. Mit Anfang Zwanzig kam er nach San Francisco und arbeitete sich langsam an die Ostküste vor, bis nach Brighton Beach. Hier stand er nun und träumte von Deutschland, nachdem er in fünfzig Jahren die Welt umrundet hatte, beinahe. Er war ein melancholischer Herr in Frischgrätmantel und eleganter Kappe und seine dunkel umschatteten Augen gaben ihm ein eulenhaftes Aussehen. Jeden dritten Satz seiner Lebensgeschichte kommentierte er mit einem Schulterzucken und der rhetorischen Frage »Was kann man machen?«.

Abraham Herzhaft kam aus Jeschuw in Polen, das heute in der Ukraine liegt. Er war klein, (»fünf Fuß und eins!«), drahtig und ungeheuer lebendig. Er trug eine beige Windjacke und eine gleichfarbige sportliche Schlägermütze über seinen großen Segelohren. Er hatte, als die Deutschen kamen, den Fluss Sun durchschwommen und danach Jahre in russischen Gefängnissen, sibirischen Lagern und der polnischen Exilarmee verbracht. Seine Frau und Kinder wurden ermordet. Am Ende landete er alleine in einem Lager für Displaced Persons, nahm das Affidavit für Amerika, weil das am nächsten bei Polen war (Uruguay oder Australien waren ihm zu weit), heiratete ein junges Mädchen aus der polnischen Provinz und lebte unglücklich in Brighton Beach. Er hatte eine Geliebte in Manhattan, die er mit Mitte Siebzig noch regelmäßig besuchte, und ein Rennrad, das er nachts neben seinem Wohnzimmersofa parkte, wo er schlief. Die Heimat versteht man erst, so lernte ich, wenn man in der Emigration ist.

Gut fünfzig Jahre zuvor war Isaak Bashevis Singer in New York angekommen. Sein Bruder holte ihn am Kai in Manhattan ab und fuhr mit ihm nach Brighton Beach, wo er zur Untermiete wohnte. Singer beschreibt diese Fahrt folgendermaßen:

»Wir fuhren über die Brücke nach Brooklyn, und jetzt enthüllte sich mir eine ganz andere Gegend von New York. Hier war es weniger überfüllt, es gab fast keine Wolkenkratzer und alles ähnelte eher einer europäischen Stadt als Manhattan (…) Hier gingen die Leute, sie liefen und rannten nicht. Alle trugen neu aussehende und helle Kleidung. In den koscheren Metzgereien wurden die Knochen gesägt und nicht mit dem Beil gespalten. In den Läden lagen Kartoffeln neben Orangen, Radieschen neben Ananas.

Zwischen Schuh-, Lampen-, Teppichgeschäften und Blumenläden befand sich ein Begräbnisinstitut. Leichenträger in Schwarz trugen einen mit Kränzen bedeckten Sarg heraus und luden ihn in einen verhängten Wagen. Die Familie oder die anderen Leidtragenden zeigten keinerlei Anzeichen von Trauer in den Gesichtern. Sie unterhielten sich und benahmen sich, als sei der Tod für sie eine alltägliche Erscheinung.

Wir kamen nach Coney Island. Linker Hand funkelte und leuchtete der Ozean in einer Mischung aus Wasser und Feuer. Rechter Hand flogen Karussells vorbei, Jugendliche schossen auf Blechenten, auf Schienen, die aus einem Tunnel hervorkamen und hoch in den blauen Himmel ragten, ritten Jungen auf metallenen Pferden und die hinter ihnen sitzenden Mädchen schrieen laut. Musik pochte, pfiff und kreischte. Vor einer Art Museum tollte ein schwarzer Riese herum, mit einem Zwerg auf jedem Arm.

Wir hielten vor einem Haus mit Türmchen und einer langen Veranda, auf der ältere Leute in der Sonne saßen und sich wärmten … Die Pfeiler der Hochbahn warfen ein Netz von Sonne und Schatten auf das Pflaster. Ein Zug aus Manhattan fuhr mit ohrenbetäubendem Gerassel vorbei. Ganz gleich, wie man Raum und Zeit definierte, dachte ich, man kann nicht gleichzeitig in Brooklyn und Manhattan sein.«

Das »Aus der Zeit Gefallen Sein« ist eines der Grundmotive in allen Geschichten und Romanen von I.B. Singer, die in Amerika spielen. Ich hatte dieses Gefühl bei Irving und Abraham kennen gelernt. Beide waren in ihrem Leben durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust aus ihrer Heimat vertrieben worden, beide waren – wie so viele in Brighton Beach – die Quintessenz der europäischen Lebenserfahrung und -kultur, gepaart mit Humor und Selbstironie, aber so ganz ohne jenen Pragmatismus, den man ihn Amerika zum Überleben so dringend benötigt. Abraham Herzhaft und Irving Lanchart waren von der Geschichte auf eine Reise geschickt worden, die auch 1987 noch nicht zu Ende war. Sie hatten ihre Heimat verloren und in der neuen Welt keine wirkliche Heimat gefunden. So fütterten sie die Möwen in Brighton Beach und schauten über das Meer.

»Ich schreibe über ungewöhnliche Personen unter ungewöhnlichen Umständen« schrieb Singer, »über eine Gruppe von Menschen, die der Welt noch immer ein Rätsel sind, oft auch sich selbst. Ich spreche von den Juden Ost-Europas, insbesondere von den Jiddisch sprechenden Juden, von denen, die in Polen umgekommen sind, und denen, die in die Vereinigten Staaten fliehen konnten. Je länger ich unter ihnen lebe und über sie schreibe, desto größer ist mein Erstaunen über die Vielfalt ihrer Persönlichkeit, und, da ich selber einer von Ihnen bin, über meine eigenen Launen und Leidenschaften.«

Als ich 1987 nach Brighton Beach kam, lebte Singer nicht mehr in New York. Nach einer missglückten Augenoperation konnte er nicht mehr schreiben. Er hatte sein Apartment auf der Upper West Side verlassen und sich nach Florida zurückgezogen.

Singer war 1904 in Leonice geboren worden, das damals zum russischen Zarenreich gehörte. »Ich bin in drei toten Sprachen großgezogen worden: Hebräisch, Aramäisch und Jiddisch.« schrieb er später. Sein Vater war ein orthodoxer Rabbi der sich weigerte, Russisch zu lernen und kaum fähig war, sein Familie zu ernähren.

Auch der Großvater war ein Rabbi, im Gegensatz zum Vater aber eine einflussreiche und imposante Figur. Die Besuche bei den Großeltern hatten einen tiefen Einfluss auf Singer. Hier, nahe der Grenze zu Österreich, in Galizien, lernte er das Leben der armen, gläubigen, galizischen Juden kennen, die sich Polen verbunden fühlten, Sehnsucht nach Wien hatten und in Scharen nach Amerika auswanderten. Eine komplexe Welt, in der in den Dörfern die Polen, Juden, Russen, Österreicher und Deutsche neben- und miteinander lebten.

Den größten Teil seiner Jugend verbrachte Singer in Warschau. An der Krochmalna Straße, in der er aufwuchs, lebte eine Mischung aus gläubigen Juden, kleinen Gangstern und Prostituierten. Seine Jugend war von Paradoxen geprägt. Die Chassiden, unter denen er aufwuchs, waren ultraorthodox und gleichzeitig eine relativ moderne Bewegung, die noch keine hundertfünfzig Jahre alt war. Singer fühlte sich als Pole, obwohl es den Staat bei seiner Geburt gar nicht mehr gab, die benachbarten Großmächte hatten Polen unter sich aufgeteilt. Sein Vater war ein strenger Rabbi, doch von seinem älteren Bruder Israel Joshua lernte Isaak so verbotene Fächer wie Astronomie und die Geschichte der Evolution kennen. Die Welt seiner Jugend war voller Gegensätze und in ständiger Veränderung.

Israel Joshua (I.J.) Singer rebellierte gegen die Eltern und hatte schon als junger Mann wachsenden Erfolg als jiddischer Schriftsteller. Als Isaak vierzehn war, ging I.J. nach Kiew, um sich der Revolution anzuschließen, drei Jahre später kam er enttäuscht und desillusioniert zurück. Schon mit seinen ersten Büchern, die kurz darauf erschienen, wurde er in polnischen und jiddischen Kreisen berühmt – ein Autor sui generis.

Unter dem Einfluss des elf Jahre älteren Israel Joshua begann Isaak zu schreiben und in jiddischen Zeitungen zu publizieren. Er wurde 1924 Mitglied im Warschauer Club der Jiddischen Schriftsteller. Dort verfolgte man den Aufstieg Hitlers und der Nationalsozialisten mit Furcht und großer Skepsis.

Als Israel eine Stelle beim Jewish Daily Forward, der jüdischen New Yorker Tageszeitung, angeboten bekam, nahm er dankbar an. Er reihte sich ein in den langen Exodus der russischen und polnischen Juden nach Amerika, der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts begonnen hatte und der erst mit dem Einmarsch der Deutschen und Russen 1939 endete. Sie flohen vor dem Hunger, den Pogromen, dem Dienst in der russischen Armee. Es gelang Israel Joshua bald, ein Visum und eine Arbeitserlaubnis für den kleinen Bruder zu organisieren. So fuhr Isaak 1935 mit dem Zug quer durch Nazideutschland und mit dem französischen Dampfer Normandie nach New York.

In Amerika fühlte sich Singer zwar sicher, trotzdem war die erste Zeit ein Schock. Er wohnte zur Untermiete, hatte keine Arbeit und fast kein Geld.

Im Sommer 1944 starb der bewunderte und geliebte Bruder Israel Joshua überraschend an einem Herzinfarkt. Schwester und Mutter wurden in Polen deportiert. Der Krieg und die Nazis vernichteten nicht nur halb Europa, sondern nahezu jeden der Freunde und Verwandten, die Isaak noch in Polen geblieben waren. Es waren bittere Jahre.

»Ich war noch jung, noch nicht dreißig, aber ich war von einer Müdigkeit befallen, die wahrscheinlich mit dem Alter einhergeht. Ich hatte alle Wurzeln, die ich in Polen gehabt hatte, ausgerissen und wusste bereits, dass ich hier bis zu meinem letzten Tag ein Fremder bleiben würde. Ich stellte mir vor, wie es wäre, in Hitlers Dachau oder in einem Arbeitslager in Sibirien zu sein. Es gab für mich keine Zukunft mehr. Alles, woran ich denken konnte, lag in der Vergangenheit. Meine Gedanken kehrten nach Warschau zurück, nach Swider, in Stefas Wohnung in der Niecala Straße, in Esthers möbliertes Zimmer … Ich lehnte mich so weit ich konnte aus dem Fenster hinaus, so tief die Dämpfe der Stadt in mich ein und verkündete mir und den Mächten der Natur: ich bin verloren in Amerika, verloren auf immer.«

Bei aller Sehnsucht und Hoffnung fühlten sich die Emigranten verloren in der Neuen Welt. So nannte Singer dann auch seine halbfiktionale Autobiographie Verloren in Amerika. Verloren in Amerika wählte ich auch als Titel für den Dokumentarfilm, den ich ein Jahr nach meinem ersten Besuch in Brighton Beach drehte. Darin erzählte Irving seine Reise um die Welt in fünfzig Jahren und Abraham kochte gefillte Fisch und redete in fünf Sprachen gleichzeitig. Sie hatten Europa verlassen und waren doch nie ganz in Amerika angekommen. Abraham und Irving, meine neuen Freunde, sagten, ›ich fahre nach New York«, wenn sie nach Manhattan fuhren. Irving hatte ein Postfach im Postamt an der 3rd Avenue – der Adresse wegen. Wirklich heimisch wurden sie nie in Amerika, obwohl sie dort fast vierzig Jahre lebten.

Bei jedem Besuch in Amerika machte ich von nun an die Zeitreise nach Brooklyn. Die Sehnsucht der beiden inspirierte mich zu dem Spielfilm Auf Wiedersehen Amerika, den ich gemeinsam mit Thomas Strittmatter schrieb und im Winter 1992/1993 drehte. War Singer von Polen nach New York gereist, so machten wir uns mit unseren Figuren auf die umgekehrte Reise zurück von Brooklyn nach Danzig. Die Geschichten von I.B. Singer wurden unsere treuen Begleiter.

Aber ich fand in den USA keine Darsteller für die beiden Hauptrollen. Niemand sprach die Sprachen und ohne dieses babylonische Sprachengewirr war unser Filmprojekt unvorstellbar. So suchten wir an ganz anderen Ecken der Welt: in Argentinien, in Polen, in Israel. Dort, in Tel Aviv, fand ich Jakov Bodo, der den Moshe spielt. Und in Wien traf ich Otto Tausig, der Isaak Aufrichtig spielt, und später alle drei Hauptrollen in Späte Liebe. Es ist bezeichnend, dass beide selbst viele Jahre der Emigration hinter sich hatten.

Singer hatte nach seiner Ankunft in New York unter der Obhut seines Bruders zunächst eher banale Glossen für den Forward geschrieben, eine Aufgabe, die qualvoll für ihn war und schlecht bezahlt wurde. Später, nach dem Tod des Bruders, verfasste er seine ersten konventionellen Romane. Der Erfolg kam erst, als 1953 seine wundersame Geschichte Gimpel der Narr von Saul Bellow ins Englisch übersetzt wurde. Sie machte Singer schlagartig bekannt.

Von nun an galt er als Erzähler der Welt des Stehtls im Polen vor dem Zweiten Weltkrieg, einer untergegangenen Welt. Geschichten wie Yentl oder Der Zauberer von Lublin machten ihn populär. Diese Geschichten waren Parabeln und Mythen, hier gab es Dybbuks, Zauberer, Geister und Hexen. Von nun an wurde er gut bezahlt und alle großen amerikanischen Magazine druckten seine Geschichten.

Doch Singer schrieb auch Geschichten, die in Amerika spielten, und die hatten einen ganz anderen Ton. Deren Figuren versuchten sich von ihrer orthodoxen Erziehung zu befreien. Der Holocaust beendete diese unvollendete Rebellion und ließ sie zurück im Hader mit ermordeten Eltern und einer vernichteten Kultur. Sie hassten und straften sich dafür, einer Kultur den Untergang gewünscht zu haben, die für immer aufgehört hatte zu existieren. »Es brauchte wohl Singers eiskaltes Auge und seine Lust am Paradoxen, dieser Welt gerecht zu werden und jener Verzweiflung Ausdruck zu geben, die jeden Anderen schon bei dem Versuch dazu verschlungen hätte.« schrieb Jonathan Rosen in seinem Essay im New Yorker zu Singers hundertstem Geburtstag.

Die Geschichten von Leuten, die den Zenith ihres Lebens überschritten haben, haben einen großen Stellenwert in Singers Werk. Ich kenne keinen anderen Schriftsteller, der sich so sehr mit den Sehnsüchten alter Menschen beschäftigt hat. Im Vorwort zur seiner Sammlung Späte Liebe schreibt Singer:

»Die Liebe alter oder im mittleren Alter befindlichen Menschen ist ein Thema, das mehr und mehr Raum in meinen Arbeiten einnimmt. In der Literatur sind alte Menschen und ihre Gefühle vernachlässigt worden. Die Romanschriftsteller haben uns niemals gesagt, dass in der Liebe, wie auf anderen Gebieten, die jungen erst Anfänger sind und dass die Kunst des Liebens mit dem Alter und mit der Erfahrung reift.«

Die Figuren, die Singer in seinen Geschichten aus New York und Miami beschreibt, könnten alle in einem großen Apartment Gebäude an der Upper West Side leben und man begegnet ihnen in Singers Arbeiten immer wieder. Viele Geschichten haben mich beim Lesen sehr berührt: die Herr und Knecht Erzählung Eine Sylvester Feier, mit ihrer tiefen Liebe über den Tod hinaus, Eine Hochzeit in Brownsville, oder die großartige Liebesgeschichte Späte Liebe.

In diesen Geschichten ist Singer wohl am meisten bei sich und sie sind ohne Zweifel seine größten Werke. Doch auch wenn die Protagonisten oft Schriftsteller sind, denen sich wildfremde Frauen an die Brust werfen, wenn manche Figuren fast dokumentarisch wirken: Es ist immer auch Pose, und Singer war ein Schlemihl, der mit Lust falsche Fährten legte und maßlos übertrieb. Man sollte sich hüten, seine Prosa für allzu dokumentarisch oder gar autobiographisch zu halten.

Wenn Otto Tausig also den etwas verwirrten Professor und Schriftsteller Max Kohn spielt, der immer noch auf der Suche nach erotischen Abenteuern ist, dann basiert sein Charakter natürlich auf dem Max Kohn der Aktentasche. Gleichzeitig verkörpert er die »literarischen« Figuren Harry Bendinger und Simon Danziger, die Kohn sich ausgedacht und geschrieben hat und in denen er seine Sehnsüchte und Ängste auslebt. Zum Dritten trägt er Züge von Isaak Singer – Details wie das vollkommene Chaos des Arbeitszimmers oder die aufgereihten Hüte an der Wohnungstür kann man nicht erfinden. Und letztendlich hat Ottos eigene Emigration hat seine Darstellung mit geprägt.

Die schwebende Gleichzeitigkeit von Gegenwart, Traum, Phantasie, Vergangenheit und Sehnsüchten, die Singers Prosa so besonders macht, ließ sich nur durch die Verschmelzung mehrere Geschichten in einen Film erreichen. An dieser Stelle sei meinen wunderbaren Beratern Michael Gutmann und Milan Dor gedankt, ohne die das Drehbuch niemals so hätte entstehen können. Die Geschichten in Späte Liebe fließen und spiegeln sich ineinander. Seine Helden können nicht nur die Ebenen nicht unterscheiden, sie wollen es auch gar nicht mehr. Max Kohn verschwindet am Ende in seiner eigenen Fiktion: der Autor löst sich in seiner Prosa auf.

So sehr Singer auch mit dem Jüdischen Leben und dessen Kultur haderte und stritt, am Ende seines Lebens wurde er zum Inbegriff der jiddischen Kultur, ein säkularer Rabbi, der für all das stand, dem er doch zu entkommen suchte. 1978 wurde ihm als Krönung seines Lebenswerkes der Nobelpreis verliehen, als einem amerikanischen Schriftsteller, der auf Jiddisch schreibt. Nach 43 Jahren hatte Amerika ihn angenommen.

Seine Geschichten faszinierten mich wie die Menschen in Brighton Beach. Ich machte damals in New York die plötzliche traurige Erkenntnis des großen Verlustes, eine europäische Erfahrung, die man in Europa – aus bekannten Gründen – nicht mehr machen kann. Aber es war noch etwas anderes, was mich bei Literatur und Menschen so anzog. Es hat mit der Jiddischen Sprache zu tun, die die Menschen, die sie gesprochen haben, so stark prägte. Singer hat dies in seiner Dankesrede bei der Nobelpreisverleihung 1978 so formuliert:

»Mein Vater und meine Mutter gaben mir alle Antworten, die der Glaube an Gott jenen anbieten kann, die zweifeln und nach der Wahrheit suchen. Bei mir zu Hause und in vielen anderen Familien, in denen Jiddisch gesprochen wurde, waren diese ewigen Fragen mehr gegenwärtig als die letzten Neuigkeiten aus der Jiddischen Zeitung. Im Gegensatz zu all den Enttäuschungen und meiner tiefen Skepsis glaube ich, dass die Nationen viel lernen können von diesen Juden, ihrer Art zu denken, ihre Kinder großzuziehen, und Glück zu finden, wo andere nur Elend und Erniedrigung sehen.

Für mich sind die Jiddische Sprache und das Verhalten jener, die sie sprachen, identisch. Man kann in der Jiddischen Sprache und im Jiddischen Geist Ausdrücke finden für fromme Freude, Lebenslust, Sehnsucht nach dem Messias, Geduld und tiefes Verständnis der menschlichen Einzigartigkeit. Es gibt einen stillen Humor im Jiddischen und eine Dankbarkeit für jeden Tag des Lebens, jeden Krümel Erfolg und jede liebende Begegnung.

Die Jiddische Natur ist nicht überheblich. Sie hält den Sieg nicht für selbstverständlich. Sie fordert nicht und befiehlt nicht, sondern wurschtelt, schlüpft und schmuggelt sich durch die Mächte der Zerstörung, im Wissen, dass Gottes Schöpfungsplan immer noch ganz am Anfang steht … Bildlich gesprochen ist Jiddisch die weise und demütige Sprache von uns allen, die Sprache einer erschrockenen und hoffnungsvollen Menschheit.«

Singer hat in seinem Leben gleich zwei Welten beschrieben, die im Verschwinden begriffen waren: die Welt der gläubigen polnischen Juden und die der amerikanisch-jüdischen Immigranten. Singer hat diese Menschen, ihre Verzweiflung und ihre Not in seinem Schreiben aufgehoben und gerettet wie ihre Lebensweisheit und ihr Glück.

Berlin, März 2008