Jan Schütte

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Nach Patagonien

In Patagonia

Story

Als er 35 Jahre alt ist, erfüllt sich Bruce Chatwin einen Kindheitstraum: Er reist nach Patagonien, in den äußersten Zipfel Südamerikas, um ein Stückchen rötlicher, behaarter Haut wiederzufinden, das ihm an manchen Sonntagnachmittagen seine Großmutter gezeigt hatte. Es war dies ein kleiner Fetzen eines prähistorischen Riesenfaultiers, das ein Großonkel in der Bucht der letzten Hoffnung im chilenischen Teil Patagoniens gefunden hatte.

Chatwin macht sich auf die Reise: belesen und gründlich vorbereitet, wie ein klassischer Forschungsreisender. Nach seiner Rückkehr schreibt er aus all seinen Notizen und Beobachtungen ein eigenartiges Buch: In Patagonien.

Der geheimen Anziehungskraft von Patagonien ist auch dieser Film auf der Spur. Ähnlich wie das Buch ist er eine lose Sammlung von Begegnungen und Beobachtungen aus diesem schroffen Land am Ende der Welt. So entsteht die Beschreibung einer zugleich realen und imaginären Reise.

Zu Bruce Chatwin

Chatwin wurde 1940 in Sheffield, Großbritannien, geboren. In den Kriegsjahren reiste seine Mutter mit ihm durch große Teile Englands, um bei Freunden und Verwandten vor den deutschen Luftangriffen Unterschlupf zu finden. Statt das geplante Architekturstudium zu beginnen, arbeitete er mit 18 Jahren als Botenjunge für das Auktionshaus Sotheby’s. Vier Jahre später war er bereits Direktor der Abteilung für impressionistische Kunst. Vorgeblich wegen eines Augenleidens gab er diese Stelle auf und reiste in den Sudan. Danach studierte er in Edinburgh ein Jahr lang Archäologie, brach das Studium jedoch ab. 1973 wurde er Mitarbeiter der Sunday Times, zunächst als Berater für Kunst. Bald darauf widmete er sich vielfältigen Themen, reiste für Interviews und Berichte durch die Welt. Im Dezember 1974 kündigte er dort, angeblich mit dem Telegramm an die Redaktion: »Für vier Monate fort nach Patagonien«.

Eine Begegnung mit der Architektin und Designerin Eileen Gray gab den entscheidenden Anstoß zu einer halbjährigen Reise nach Patagonien, um den Brontosaurus zu suchen. Hier wurde ihm klar, dass das Erzählen und Schreiben die für ihn angemessene Beschäftigung wäre. Er bereiste auch Australien und setzte sich mit der Kultur der Aborigines auseinander. Reisebücher wie In Patagonien und Traumpfade (orig. The Songlines) wurden Bestseller. Chatwins lakonischer Stil wurde von Kritikern gelobt. Bei der Leserschaft wurde Chatwin durch seine plastischen Beschreibungen fremd wirkender Umgebungen populär.

1986 erkrankte Bruce Chatwin an AIDS, in dessen Folge er 1989 in Südfrankreich verstarb.

In Patagonien:

»Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut. Es war nur ein winziges Stück, aber dick und ledrig, mit Strähnen borstigen rötlichen Haars. Es war mit einer rostigen Nadel an einer Postkarte befestigt. Auf der Postkarte standen in verblasster schwarzer Tinte ein paar Worte, aber ich war noch klein und konnte noch nicht lesen.
›Was ist das?‹
›Ein Stück von einem Brontosaurus.‹
Meine Mutter kannte die Namen von zwei prähistorischen Tieren, den Brontosaurus und den Mammut. Daß es kein Mammut war, wußte sie. Mammuts kamen aus Sibirien.
Der Brontosaurus, so wurde mir erzählt, war ein Tier, das bei der Sintflut ertrunken war, weil es zu groß gewesen war, um auf der Arche Noah Platz zu finden. Ich stellte mir darunter ein zottiges, schwerfälliges Tier mit Klauen und Fangzähnen vor, dessen grüne Augen boshaft schimmerten. Manchmal kam der Brontosaurus durch die Wand meines Zimmers gestürmt und weckte mich aus dem Schlaf.
Der Brontosaurus, von dem hier die Rede ist, hatte in Patagonien gelebt, einem Land in Südamerika, am fernen Ende der Welt. Vor vielen tausend Jahren war er in einen Gletscher gefallen: Er hatte die Reise den Berg hinunter in einem Gefängnis aus blauem Eis angetreten und war in ausgezeichneter Verfassung am Boden angekommen, wo er von Charly Milward, dem Seemann, einem Cousin meiner Großmutter, gefunden wurde. […]«

Buchanfang von: Bruce Chatwin: In Patagonien, S. 7 (Deutsch von Anna Kamp)