Jan Schütte

de / en

Old Love

Critic

Kinoliebe in Zeiten der Atemnot

Ein Vorfilm zum Hauptfilm – wie lange ist das her in deutschen Kinos? Eine halbe Ewigkeit. Einzig bei Festivals gibt es die Programmpaarung noch, zum Beispiel bei den Hofer Filmtagen, wo im vergangenen Herbst Jan Schüttes Kurzfilm Old Love der wunderzarten Altersliebesgeschichte Innocence von Paul Cox vorangestellt wurde und die Koinzidenz des Erzählten einen solchen Anklang beim Publikum hervorrief, daß zum deutschen Filmstart von Innocence in ausgewählten Kinos von Berlin und Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Ludwigsburg und München Schüttes Kurzfilm wieder die thematische Einstimmung versuchen darf.

Geldsorgen hat der jüdische Pensionär Harry Bendiner, der es sich in seinem Apartment von Miami Beach mit Ausblick weit hinaus übers Wasser komfortabel eingerichtet hat, nicht im mindesten. Aber wie vereinsamt, nur in Selbstgesprächen um die von Schlaflosigkeit erschütterte eigene Existenz kreisend, er die Tage und Nächte vorüberziehen läßt, wird ihm erst in dem Moment bewußt, als sich eine neue Nachbarin, Ethel Brokeles, vorstellt.

Daß die Vormieterin schon fünf Monate zuvor gestorben ist, Harry nahm es nicht einmal wahr. Und nun sitzt eine scheinbar lebensfrohe, auf angenehm einladende Weise muntere Endfünfzigerin dem Witwer gegenüber, lockt ihn spontan aus seiner Eigenbrötelei und weckt in ihm unversehens den Wunsch, seine gut achtzig Jahre überspielen zu wollen. Auch sie ist verwitwet, aber sie scheint einen Weg gefunden zu haben, von ihrer Trauer nicht überwältigt zu werden. Die Euphorie aber hält nur einen Nachmittag. So unvermutet Ethel bei Harry auftauchte, so endgültig entzieht sie sich ihm wieder. Doch die paar Stunden, in denen Harry versandeter Gefühle gewahr wurde, mögen genügen, das Gehäuse aufzubrechen, in das er sich innerlich eingeschlossen hatte.

In fünfundzwanzig Minuten entsteht eine Miniatur von Liebe und Vergänglichkeit, bei der die geschmeidige Eleganz der Inszenierung Jan Schüttes nur ein Ziel kennt: sich allein auf die Personen zu konzentrieren und alle störenden Einflüsse von außen wegzublenden. Daß die Gefahr melodramatischer Rührung vollkommen unterlaufen wird, liegt aber ebenso an den Schauspielern: Wie fein Otto Tausig den Sarkasmus in der Zwiesprache Harrys mit sich selbst dosiert, wie jäh Tovah Feldshuh als Ethel gerade über den Anschein der Selbstsicherheit strauchelt, das ist Charakterkunde, wie sie die kleine Form wahrhaftiger nicht spielen kann.

Old Love basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Issak Bashevis Singer. »In der Literatur sind alte Menschen und ihre Gefühle vernachlässigt worden«, sagt der amerikanische Nobelpreisträger. »Die Romanschriftsteller haben uns niemals gesagt, daß in der Liebe, wie auf anderen Gebieten, die Jungen erst Anfänger sind und daß die Kunst des Liebens mit dem Alter und der Erfahrung reift.« […]

Hans-Dieter Seidel, FAZ

 

»Jan Schütte hat in Amerika einen kurzen, großen Film über die späte Liebe eines jüdischen Pensionärs gedreht – Old Love, nach einer Idee von Isaac B. Singer. Hier scheint das Leben noch einmal auf – wie ein Wetterleuchten über Miami Beach. Einen Abend lang trägt Harry Bendiner (der wunderbare Otto Tausig) es im Gesicht. Denn am genauesten spürt man den Sturm im stillen Augenblick davor.«

Kerstin Decker, Der Tagesspiegel