Jan Schütte

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Eine Reise in das Innere von Wien

A Voyage into the Innermost of Vienna

Critic

Langsam streift ein Scheinwerferkegel über die Häuserfassaden des nächtlichen Wien. Wie ein Einbrecher stiehlt sich der Film durch die Stadt, als suche er nach einem geheimen Eingang zu dem, was sie hütet und verbirgt. Er muß das Licht vor sich her tragen, so dunkel ist es vielerorts: in Katakomben, wo die Knochen einst aufgetürmt wurden, so daß die Toten wieder in Richtung der Lebenden wanderten; im Untersuchungsgefängnis, wo die Augen weniger als einen Hoffnungsschimmer wahrnehmen können und die Inhaftierten gezwungen sind, ganz Ohr zu werden.

Im Kanalsystem, wo die Arbeiter knietief in Fäkalien stehen, oder im Obdachlosenasyl, dessen Bewohner sich bisweilen wie menschlicher Abschaum fühlen müssen. Ob er glaube, noch einmal eine eigene Wohnung beziehen zu können, wird ein alter Mann gefragt, der in seiner Kabine ein trostloses Dasein fristet. Während er um eine Antwort ringt, verändert sich das Licht, das durch das schmale Fenster fällt, unaufhörlich, als würde es an einem Kampf dieses Mannes zwischen Hoffnung und Verzweiflung leidenschaftlich teilnehmen.

Jan Schütte ist für den ORF den Spuren des Schriftstellers Gerhard Roth gefolgt, dessen Reise in das Innere von Wien (unter dem gleichnamigen Titel im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen) neun essayistische Streifzüge und Expeditionen umfaßt. Schütte hat sie als Marschrouten genommen, zwischen denen er unentwegt wechseln kann, weil sie sich in Wien ständig kreuzen. So schneidet er von einem zyklopenähnlichen menschlichen Embryo, der im Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseum ausgestellt ist, auf einen geistig behinderten Künstler in der psychiatrischen Anstalt Gugging.

Auch wenn dieser Schnitt mit einem von Roth übernommenen Lichterberg-Zitat überbrückt wird, wonach sich in der Grenze die seltsamsten Geschöpfe (wie zum Beispiel der Mensch) fänden – in jedem anderen Film wirkte er zynisch. Doch Eine Reise in das Innere von Wien gewinnt gerade den verdrängten Formen menschlichen Daseins (deren Abweichung von der Norm biologisch bedingt sein kann oder gesellschaftlich) Würde ab. Fast wie ein Gegenschnitt erscheint es, Wenn Schütte am Ende von dem Gesicht des Künstlers auf den Stephansdom schneidet. Der Himmel leuchtet so orange, daß selbst Postkarten-Photographen angst und bange würde. Doch weil wir uns vorstellen können, dies sei der Blick eines Mannes, der sich die Wirklichkeit so bunt wie möglich ausmalt, gewinnt diese Ansicht Schönheit und Wahrhaftigkeit.

Lars-Olav Beier, Film im Kino, Januar 1997

»Als wäre ich ein toter Dichter«

Einfach so tun, als wäre er tot. »Ein verstorbener Dichter, auf dessen Spuren man sich begibt.«

So hat es Gerhard Roth bei der Verfilmung von »Die Reise in das Innere von Wien seinem Regisseur Jan Schütte vorgeschlagen. »So kann ich jetzt eine Art Nachruf auf mich sehen.« (Roth)

Jan Schütte (Drachenfutter), einer der interessantesten Jungregisseure Deutschlands, hat das Rothsche Wien als Schattenspiel und Spurensuche verfilmt; was – so Roth – »dem sehr nahe kam, was ich dachte und fühlte beim Schreiben des Buches«.

Statt mit Zuckerguß und Lipizzaner nähert er sich der Stadt nach Freudscher Methode: unterirdisch, stöbernd nach Vergangenheit, welche die Gegenwart erklärt.

Er zeigt Querköpfe und Eigenbrötler; Wiens Gedärme als Kanäle voller Fäkalien; Wiens Gedächtnis als Militärmuseum; seine Phantasie als Irrenhaus; sein Gehirn, eingelegt im pathologischen Museum, und sein Gewissen als Obdachlosenasyl, in dem einst auch Hitler lebte. »Mich haben die Außenseiter der Gesellschaft interessiert; dort, wo der Staat das Sagen hat, zeigt er sein wahres Gesicht«, sagt Roth. Es ist eben der »andere Mythos« von Wien: »Das goldene Wienerherz mit düsterem Keller.«

Eines fehlt ihm: Frauen. Ob er denn keine gefunden hätte? »Wieso? Die wichtigste Szene zeigt doch eine Frau, wie sie ein Gehirn abwäscht. Außerdem: So bösartig wie ich beschreibt keine Frau die Männerwelt. Bei mir sind das doch lauter Geisteskranke, Mörder und Triebtäter.«

V. F., Kurier, 7.10.1995

Wien, innen und außen

»Außen der scheinbar geordnete Alltag, innen Verzweiflung und Ängste.« Es ist einer der Schlüsselsätze zu Gerhard Roths Essays. Die Verfilmung Eine Reise in das Innere von Wien spiegelte die Metropole beklemmend wieder. Wien als große Totenstadt. Die Kirche Wiens und nicht das Burgtheater als wahrhaftes Nationaltheater. Hitler, der sich am weiten Innenraum von St. Stephan nicht sattsehen hatte können. Hitler auch als Insasse des Männerhauses in der Meldemannstraße. Die Heiligtümer des Dritten Mannes, das Kanalsystem, als Katakomben der Fäkalien. Straßenbahnquietschen als Hinweis für den Untersuchungshäftling des Grauen Hauses, daß es draußen noch eine Welt gibt. Das Arsenal, die Zwingburg gegen die Wiener, mit seinem Sarajewo-Raum. Reliquienschätze im Stephansdom und Embryo-Präparate im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Gugelhupf des alten AKH. Der jüdische Friedhof in Währing, die Psychatrie mit dem Haus der Künstler in Gugging.

»Wird scho werden«, sagt stumpf ein 58jähriger Bewohner des Männerheims. Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Wer Wien nicht kennt, könnte meinen, es sei wirklich so. Wer es kennt, weiß es.

Herbert Pirker, Täglich Alles, 9.10.1995