Jan Schütte

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Supertex

Eine Stunde im Paradies

Critic

Der Tycoon muss sterben

Unter der Regie von Jan Schütte ist aus Leon de Winters Roman Supertex ein tragikomischer Film geworden.

Max Breslauer hat ein verwöhntes Gesicht. Und weil wir im Kino sind und nicht in der Wirklichkeit, die unsere Erwartungen gern enttäuscht, ist er auch ein verwöhnter Kerl. Der junge Mann, perfekt gespielt von Stephen Mangan, lebt in einer so kühlen wie pompösen Yuppie-Wohnung in Amsterdam und hält sich mit Witz und Routine das Leben vom Leib. Am Samstagmorgen hat er es eilig, beschleunigt sein Auto in den noch stillen Straßen von Amsterdam und fährt, in einem Moment der Unaufmerksamkeit, einen kleinen Jungen auf dem Weg zur Synagoge an.

Dessen Verletzung ist harmlos, die Auseinandersetzung ist es nicht. Der Vater des Jungen, wie seine beiden Söhne im vorgeschriebenen Schwarz, keift empört gegen die ungläubigen Gois und wird von Max unterbrochen: Ja, sicher, er sei gedankenlos, es tue ihm wirklich Leid, aber ein Goi sei er nun gerade nicht. Das entsetzt die drei Chassiden noch mehr: »Ein Jude im Porsche!« Vom Bruder des Verletzten an seine religiösen Pflichten erinnert, meutert Max, amüsiert und wegwerfend zugleich, gegen jahrtausendealte Regeln. Und wird prompt mit jener Schläue zurechtgewiesen, die sich gegen jeden Einwand seit Jahrtausenden wappnet: Und die Sonne, die uns bescheint, ist die neu? Die Luft, die du atmest, ist die von heute?

Eine der witzigsten Szenen des Films spielt mit souveräner Leichtigkeit die Themen an, die die weitere Handlung vorantreiben: die Haltbarkeit der jüdischen Tradition, die Bindungen der Familie und schließlich die beiden Gegebenheiten des menschlichen Lebens, die niemals fehlen dürfen: Liebe und Tod.

Gekleidet ist Jan Schüttes Filmerzählung in einen Vater-Sohn-Konflikt – ein Klassiker in der Tradition des Familienromans, halt bar, belastbar und variantenreich. In dieser Variation gibt Max Breslauer, der Erstgeborene, den Begabten und Verzogenen, den Nutznießer der Arbeit seines Vaters, während sein Bruder Boy sich zunächst brav den Erwartungen fügt und still als Buchhalter der Firma fungiert. Simon Breslauer, ein überlebender aus Galizien, hat die Firma Supertex mit Billigware zum Erfolg geführt: Kleider für arme Leute, wie sein Sohn Max sie verachtet. Simon war selbst bettelarm, er hat nichts vergessen und bewahrt und formt sein Gedächtnis mit jiddischen Sprüchen, deren triviale Weisheiten Max sprachlos machen. Doch gegen die Vitalität seines Vaters kommt sein geschmackssicherer Dünkel nicht an.

Vater Breslauer muss – wen wundert’s? – sterben, damit seine Söhne leben können. Es ist nicht die Originalität der Geschichte, die Supertex – eine Stunde im Paradies zu einem Vergnügen macht, sondern die detaillierte Ausformung der Szenen, kluge wie schnelle Dialoge und Schauspieler, die offenbar Spaß an der Sache haben. überraschend ist bei dem subtilen Filmemacher Schütte, dessen Vorliebe seit seinem ersten Spielfilm Drachenfutter (1987) vor allem ernsten, nicht selten elegischen Stoffen gilt, ein Talent zur Tragikomik, das sich in Supertex genussvoll entfaltet. In Schüttes Werk ist diese Romanverfilmung eine merkwürdige Besonderheit, auch durch eine ästhetik, die so routiniert wie unpersönlich wirkt – und damit der Vorlage Leon de Winters völlig entspricht. Trotz der Glätte der Bilder kann man anschließend sagen: Wir haben geweint, wir haben gelacht. Man kann vom Kino mehr wollen und doch damit zufrieden sein.

Elke Schmitter, Der Spiegel, 11/2004

Mit dem Porsche in die Sinnkrise

Wie Leon de Winters Roman durch den Film erst Halt findet: Supertex von Jan Schütte

Die Regel heißt, daß bei Romanverfilmungen das Kino der literarischen Vorlage heillos unterliege: keine Chance, den Reichtum des Erzählens auch nur annähernd einzufangen. Gleichwohl gibt es zum Glück immer mal wieder Filme, mit denen sich die Ausnahme von dieser Regel belegen läßt: wenn der Zwang zur Verdichtung das Ausfransen der Romanvorlage unterläuft. Supertex von Jan Schütte nach dem gleichnamigen Roman Leon de Winters ist der jüngste Fall einer solchen schlüssig aufgehenden Probe aufs Exempel. Der Film, dessen Drehbuch in Zusammenarbeit von Richard Reitinger, Andrew Kazamia und dem Regisseur entstand, emanzipiert sich souverän vom Vorgegebenen, verändert die biographischen Linien der handelnden und behandelten Personen geringfügig aber entscheidend und findet zu einer Konsequenz des Erzählens, die dem Roman zu Teilen beklagenswert mangelt.

Es geht um die Revolte eines Mannes Mitte Dreißig gegen seinen als übermächtig und vollkommen uneinsichtig empfundenen Vater – ein Aufbegehren, das in der Erkenntnis gipfelt, daß im Sohn mehr von seinem Vater verborgen schlummert, als der Nachkomme je wahrhaben wollte. Und es geht um das jüdische Fundament, auf dem der Vater fast eifernd ruht, und den ebenso eifernden Versuch des Sohnes, dieses Fundament, weil er es für brüchig hält, aufzusprengen. Max Breslauer, die Figur im Zentrum des Geschehens, ist kein sympathischer Mann: wohlhabend auf eine ihm selbstverständlich scheinende Weise; klug und gebildet, aber hochfahrend gegenüber jenen, denen er sich überlegen glaubt; als Erstgeborener innerhalb der jüdischen Familie auf eine bestimmte Rolle verwiesen, doch unwirsch diese Rolle ablehnend. Der Erbe eines Amsterdamer Textilunternehmens namens Supertex, das als Anbieter von Billigkleidung ein Vermögen machte, fühlt sich primär als Holländer und wendiger Jurist – und erst ganz am Ende einer Kette von Präferenzen als Jude. Seinen Geschäften kommt die Religion nicht zupaß.

Ganz anders sein Vater, ein polnischer Jude mit ausgeprägtem Familiensinn und Traditionsverständnis, der Geschäftigkeit und Glauben sehr wohl zu verbinden weiß. Aus ärmsten galizischen Verhältnissen stammend, hat dieser Mann als einziger Getto und Deportation überlebt, sich nach dem Krieg systematisch emporgearbeitet und darf sich nun rühmen, auf seinem Sektor führend zu sein. Allein sein ältester Sohn, der die Firma übernehmen soll, ficht den Erfolg an, weil er das Unternehmen in Zeiten der Globalisierung auf eine Weise bedroht sieht, die auch nur zur Kenntnis zu nehmen sich der alte Simon Breslauer schlicht weigert. Den Stolz, es zu etwas gebracht zu haben, obwohl er doch vollkommen ungebildet sei, will sich der Alte nicht nehmen lassen, schon gar nicht von einem, den doch er, Simon Breslauer, hat studieren lassen und kein anderer.

Dem Bloßlegen kultureller Wurzeln, der Sinnsuche eines ruppigen Mittdreißigers in dessen aus den Fugen geratenem Leben, dem Vater-Sohn-Konflikt und dem Tableau einer jüdischen Befindlichkeit sucht der Roman Leon de Winters auf die Spur zu kommen, indem das erzählende Ich Max Breslauer rückblickend gegenüber einer Psychoanalytikerin Splitter um Splitter seiner vielfach berstenden Existenz preisgibt. Indem die Dramaturgie des Romans die Chronologie der Ereignisse aufbricht und so neu sortiert, wie es Max seine Erinnerung gebietet, wird es dem Leser schwer, eine Entwicklung der Handelnden vom Vorher ins Nachher zu verfolgen. Der Roman montiert allein Momentaufnahmen, der Film gibt ihnen ein Gefüge. Sein entscheidender Vorzug besteht darin, daß Schütte und seine Mitstreiter den Rückblick aussparen, vollkommen auf die Chronologie setzen, einen gleichsam objektivierenden Blickwinkel von außen einnehmen und eine Spannung auf bauen können, bei der sich ein Schritt, so widersinnig er auf den ersten Blick auch sein mag, in den nächsten fügt. Auch der Film variiert gelassen die Tonlage, wird für einen Moment melodramatisch und für den nächsten wieder komisch, um schließlich zum profunden Ernst eines existentiellen Dramas zurückzufinden, mit dem er begann. Auch der Film spart nicht mit überraschenden Handlungsvolten. Aber er beweist bei alldem eine Stringenz, um die sich der Leser des Romans auf ungleich weniger einladende Weise selbst bemühen muß.

Hier wie da ist die Schlüsselszene, bei der Max Breslauer zum ersten Mal gewahr wird, wie ihm der Boden unter den Füßen wegzubrechen beginnt, der Augenblick samstags in der Frühe, in dem er, innerlich durch unsinnigen Zorn abgelenkt, mit dem Sportwagen viel zu schnell auf den Straßen Amsterdams unterwegs ist und beinahe in eine Familie auf dem Weg zur Synagoge hineinrast. »Was macht ein Jude am Schabbesmorgen in einem Porsche?« lautet der heftige Vorwurf, der sich für Max zur Selbstanklage ausweitet. Während der Roman dieses Motiv fast wie eine Litanei immer wieder vorbetet, führt der Film es überzeugend weiter: in eine Verunsicherung, von der sich – wider allen äußeren Anschein – auch Simon Breslauer nicht frei weiß.

Die Sicherheit der Inszenierung im Detail ist ebenso das Plus des Films wie die Eleganz, mit der Schütte die Fülle von Figuren ins Spiel bringt und jeder ihre dem großen Ganzen förderliche Biographie gewährt. Der sozusagen klassische Erzählduktus und das vom Kameramann Edward Klosinski souverän genutzte Breitwandformat schaffen den Figuren den nötigen Raum, nicht nur als Stichwortträger zu fungieren. Wie Benjamin, genannt Boy, dem jüngeren Bruder von Max, das Absetzen von jeder familiären Dominanz gelingt, indem er sich in die Orthodoxie des Glaubens rettet; wie die aus einer sephardischen Familie stammende Freundin von Max eine eigene existentielle Krise meistert, indem sie nach Israel flüchtet; wie Max in der blonden Geliebten seines Vaters eine Frau zu akzeptieren lernen muß, die keineswegs einzig auf ihren Vorteil aus ist – dies und vieles mehr, Koma und Unfalltod Simon Breslauers eingeschlossen, sind Geschichten in der Geschichte, die, allesamt schauspielerisch brillant, auf überraschende und zugleich einleuchtende Weise in sich aufgehen. Fast jede der Pointen und unvermuteten Wendungen findet sich auch im Roman angelegt, aber auch so gut wie jede scheint griffiger ins Spiel gebracht, ohne dabei aufzutrumpfen. Schüttes Supertex hält die Balance zwischen klug unterhaltendem Kino und insistierender Aufforderung zur Selbstbesinnung. Wenn Max Breslauer diesen Film, als wäre nicht er sein Objekt, selbst hätte sehen können – es hätte ihm womöglich schneller die Augen geöffnet.

Hans-Dieter Seidel