Jan Schütte

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Supertex

Eine Stunde im Paradies

Interview

Leon de Winter und Jan Schütte

Die wunderbare Obsession

Eine Superkombination, Jan Schütte verfilmt Leon de Winter: Supertex, eine Vater-Sohn-Story, zwei Individualisten, zwei Dickköpfe. Der Vater will dem Sohn etwas weitergeben, aber er muss auch vom Sohn sich etwas geben lassen.

Leon de Winter: Das war ganz einfach mit dieser Verfilmung. Ich habe was gemacht und dann hat Jan etwas gemacht. Ich hatte ein Buch geschrieben, und dann ist Jan gekommen und hat aus diesem Buch seine Geschichte rausgeholt was er gern erzählen wollte. Das ist seine Interpretation, seine Auffassung, seine Akzentuierung, seine Sensibilität. Zwei Sachen, die nebeneinander stehen. Das gibt es sowieso überhaupt nicht, eine Romanverfilmung, das ist unmöglich. Man muss etwas Neues machen.

Jan Schütte: Ich entdeckte den Roman relativ früh, 1985 etwa. Und es war nicht leicht welche der vielen Geschichten, die da erzählt wurden, sollte ich in den Mittelpunkt stellen?

Leon de Winter: Ich gab einige Tips in der Phase der Drehbucharbeit. Aber man darf sich da nicht einmischen, darf nicht versuchen, einen anderen Film rauszukriegen. Ich war in dieser herrlichen Position, dass ich abwarten konnte, ich habe den Menschen vertraut ihre eigenen Obsessionen mit dem Material zu gestalten … Natürlich gibt es auch ein Gefühl der Eifersucht. An einem Drehort zu sein, diese wunderbare Macht sehen, die man als Regisseur hat. Diese große Karawane, das ist spannend, vital. Vielleicht bin ich deshalb kein veritabler Regisseur weil ich mich von dieser Aura fangen lasse, und darüber die Perfektion vernachlässige. Also produziere ich lieber …

Jan Schütte: Die Stadt war natürlich wichtig. Das Amsterdam, wie es im Buch beschrieben wird, das gibt es alles. Aber es war schwieriger dort zu drehen als in anderen Ländern. In Polen, in Patagonien. Das Ferne, das Exotische ist sehr einfach. Amsterdam ist sehr nah und doch ein bisschen anders. Das ist fast das Schwierigste.

Leon de Winter: Die Atmosphäre des Romans, da gibt es Anklänge an meine eigene Kindheit. Die Art, wie der Vater die Kroketten verschlingt, so hat es meiner auch gemacht. Und der jüngere Bruder ist wie mein eigener er hat sich damals auch wiedererkannt. Etwas naiv, eine unschuldige Figur … Es war eine erfundene Vaterfigur, aber so hätte ich ihn mir vorgestellt, wenn er länger gelebt hätte. Vielleicht habe ich mich nach einem solchen Vater gesehnt, einem, den ich bekämpfen hätte können. Daher vermisse ich natürlich auch die Versöhnung. Deshalb schreibt man ja, nicht weil man etwas erfahren hat, sondern weil man es nicht erfahren hat.

Jan Schütte: Wir haben lange nach den Schauspielern gesucht, in Holland und Deutschland. Bis wir schließlich Stephen Mangan und Jan Decleir fanden. Zwei Briten. Es war eine Erlösung, als Leon zufrieden war mit ihnen.

Leon de Winter: All diese jüdischen Sprüche, die der Vater in seine Reden einbaut, sind wirklich, ich habe sie nicht erfunden leider. Es war eine ganze Liste.

Jan Schütte: Wir hatten sie erst verschwenderisch in den Film eingebracht, aber das wurde schnell ganz penetrant. Beim Lesen war das ganz wunderbar, aber wenn man es spielen muss …

Leon de Winter: Ich liebe das Kino, weil es in Bildern erzählt. Mein Schreiben ist visuell aber absolut nicht filmisch. Und nicht leicht auf die Leinwand zu übersetzen. Ich versuche beim Leser einen Film abspielen zu lassen. Was Jan macht, ist etwas anderes. Er präsentiert, ich suggeriere.

SZ v. 25.3.2004, aufgezeichnet von Fritz Göttler