Jan Schütte

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Mein Hamburger Büro

Das Hamburger Filmbüro hat mich, um es kurz zu fassen, nach Hamburg gebracht. Für mich war es der Ersatz für eine Filmhochschule – und einen besseren hätte es nicht geben können. Das Hamburger Filmbüro war wirklich alles, nur eines nicht: ein Büro. Es war eine zweite Heimat, eine in Haßliebe verbundene, ständig zerstrittene Familie, mit einem Eßtisch, der in der Kneipe stand, und einem Familientreffen, das Jahreshauptversammlung hieß, und deren Höhepunkt – jedes Jahr – eine wütende Diskussion zwischen Hark Bohm, Helmut Herbst und Thomas Mitscherlich darstellte, wo immer einer beleidigt in die Kneipe abzog. Kurz, es zeichnete etwas aus, was in Hamburg wie in der Filmförderung unerhört war und ist: Leidenschaft.

Ohne das Hamburger Filmbüro gäbe es meine Filme nicht. Ich meine jetzt nicht nur die Förderung (obwohl die auch geholfen hat). Meinen ersten Kurzfilm habe ich auf dem ältesten 16mm Tisch auf dem Flur unterm Dach geschnitten. Die Vorführung für drei Kollegen (Filmemacher) war ein Desaster. Bis heut weiß ich nicht, ob es daran lag, daß das Bild so dunkel war, daß man buchstäblich nichts erkennen konnte, daß die drei schon Stunden in der Filmhauskneipe gesessen hatten, oder daß es im Juni unter dem Dach so brütend heiß wurde, daß man kaum geradeaus gucken konnte.

Die monatlichen Vorführung am Jour Fixe war für jeden Film die Reifeprüfung – die Filme liefen immer dreimal, weil in die Filmhauskneipe dreimal soviel Leute wie in die Vorführung paßten. Es regierte der Glaube an ein »anderes« Kino, wobei höchst umstritten war, wie das »anders« nun aussehen sollte. Aber es kamen »andere« Filme dabei heraus. Mein erster Film beim Jour Fixe, im Mai 1985, war ein kleiner Dokumentarfilm über die Bäuerin Frieda Müller aus der Pfalz, die eigentlich nach Amerika auswandern wollte, aber nur bis Assenheim gekommen war. Wunderbar, sagte Dieter Kosslick, ich hab noch so’n Bauernfilm, die zeigen wir zusammen. So lief Eigentlich wollte ich ja nach Amerika vor Erst die Arbeit und dann. An die vielen Biere mit Detlev Buck konnte ich mich noch lange erinnern, nicht nur am nächsten Morgen, und das Filmbüro hatte seinen ersten wirklichen Hit (den Buck Film).

Ich habe Eigentlich wollte ich ja nach Amerika dann nochmal in der Vorführung gezeigt: in den 23 roten Samtsesseln saßen fünf Gremiumsmitglieder der Förderung, und ich stellte mein erstes Spielfilmprojekt vor. Diskutieren, verteidigen, oder vorspielen, was immer der künftige Regisseur unternehmen wollte, hier saß das erste Publikum. In der Vorführung haben wir während des Drehs im Winter jeden Samstag Muster angeschaut, die ersten Schnittvorführungen gemacht, geändert, gekürzt.

Im Nachhinein (und im Nachhinein erinnert man sich, wie bei einer verflossenen Liebesgeschichte, immer nur an die süßen Momente) kommt es mir vor, als wären alle meine Filme durch den großen Bauch der Friedensallee hindurchgewandert. Man konnte in der Kneipe immer jemanden finden, der bereit war, die vierzehnte Schnittfassung anzuschauen und zu diskutieren (danke, Thomas Thielsch!), oder den Trailer, – der die letzte Filmkritik im »Spiegel« genauso unmöglich fand wie den vorletzten Vorstandsbeschluß. Im Schneideraum nebenan schnitt Tevik einen Film, oder Lutz, oder Pia, man war nie alleine, aber auch nie unkontrolliert.

Der Bauch des Filmbüros war sicher die Kneipe. Aber das Herz, das war die Vorführung. Der Ton war nicht gerade glänzend, der linke Projektor aus Platzgründen leicht schief eingebaut und damit immer etwas unscharf. Trotzdem: vielleicht merkt man daran am ehesten, was die Hamburger Filmförderung bis heute von allen anderen unterscheidet: 23 Sessel mit rotem Samtbezug, in denen man Filme zum Leben erwecken kann. Wie im Kino.