Jan Schütte

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Im Kino mit Jan Schütte

»Als wir das Kino verließen, war ich beinahe begeistert, auf jeden Fall erleichtert, weil ich Woody Allen früher wirklich sehr verehrt habe«, bemerkt der Filmregisseur Jan Schütte, als wir uns einen Tag später in meinem Pariser Stammcafé wiedersehen. »Einige meiner Lieblingsfilme sind von Woody Allen«, fährt er fort. »Crimes and Misdemeanors etwa, oder Hanna und ihre Schwestern. Natürlich auch Manhattan. Aber seine letzten vier, fünf Filme fand ich doch eher enttäuschend. Melinda und Melinda erinnert endlich wieder an seine besten Arbeiten. Man sieht sich den Film wirklich gerne an, langweilt sich keinen Moment, man ist amüsiert. Die Idee, eine Geschichte zwei Mal aufzurollen, finde ich wunderbar. Das geistert auch mir immer im Kopf herum: einen Stoff einmal als Komödie und einmal als Tragödie zu erzählen.«

Schüttes letzter Film SuperTex basierte auf dem Roman von Leon de Winter. Mit dem Filmemacher Peter Sehr leitet er an der Filmakademie Ludwigsburg und an der La Fémis in Paris eine Masterclass für junge europäische Produzenten. Zur Zeit bereitet er ein Projekt vor, das auf drei Kurzgeschichten von Isaac B. Singer basiert: Es kreist um die Liebe, Sex und Leidenschaft im Alter. Im Herbst geht Schütte für ein Jahr als Gastprofessor an das Institut für Visual and Environmental Studies der Harvard University in Cambridge/Massachusetts.

Auch mir gefiel Melinda und Melinda besser als Allens Werke der vergangenen Jahre, doch es enttäuschte mich, daß Woody über keinen seiner Schatten springt: Auch dieser Film ist in der Upperclass von Manhattan angesiedelt. Im New Yorker hieß es zutreffend: Der ganze Film sehe aus wie die schicke Hochglanz-Einrichtungsbeilage einer Sonntagszeitung – »Decoraters will love it«.

Die Figuren werden in ihren ewig-ähnlichen Ehe- und Beziehungskrisen vorgeführt, in ein Drehbuch eingebettet, dessen eher klobige Bausteine in jeder Minute durchschimmern. Zwei Dramatiker, ein Tragödien- und ein Komödienautor (Wallace Shawn und Larry Pine) spinnen beim Abendessen mit Freunden, in einem kleinen französischen Restaurant im Village, die gleiche Geschichte in zwei möglichen Varianten aus: die junge, in tiefer Krise befindliche Melinda bewegt sich in der tragischen Version auf den Abgrund hin, in der lebensbejahenden Version einem Happy-End zu. Es gelingt nur selten, die beiden Versionen voneinander zu unterscheiden: die komische Melinda wirkt tragisch, die tragische eher belustigend. Ist das Absicht? Beide Melindas, die lebenslustige wie die lebensuntüchtige, werden von Radha Mitchell dargestellt, die an Margaux Hemingway aus Manhattan erinnert.

»Oder an die junge Jessica Lange«, ergänzt Schütte, »diese Intensität! Diese Augen, eine ganz tolle Schauspielerin, der man gern zuhört. In Finding Neverland spielt sie die kalte Ehefrau von Johnny Depp. Man hat hier allerdings oft das Gefühl, sie tue verzweifelt alles, um es ihrem Regisseur auch bestimmt recht zu machen, wobei sie völlig überspielt und keinen Punkt findet.«

»Wunderbar allerdings Will Ferrell«, füge ich hinzu, »der in der komischen Variante den glücklosen Ehemann und ungeschickten Liebhaber gibt und all die typischen Woody-Allen-Sätze spricht, bis in den Tonfall hinein. Ein perfekter Moment, aus den ältesten Komödien herübergerettet, aber immer noch gut: Als Ferrell eifersüchtig zur Nachbarin hinunterschleicht und vor ihrer Tür lauert. Und dann verfängt sich sein Schlafrock im Türrahmen ...«

»Genial!«, stimmt Schütte zu, »aber insgesamt habe ich natürlich gemischte Gefühle, weil die Grundidee nicht zu Ende geführt und fast verschenkt wurde. Vor zwanzig Jahren hätte Woody Allen aus Melinda und Melinda einen grandiosen Film gemacht, während er hier an seinen Figuren beinahe desinteressiert wirkt. Irgendwo in der Hälfte bleibt der Film gleichsam hängen – er hätte so viel besser sein können! Man muß sich konzentrieren, um zu wissen, in welchem Teil man sich gerade befindet: ob im komischen oder im tragischen. Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, daß sich optisch alles in derselben Welt abspielt, mit Leuten, die endlos Geld haben, ohne wirkliche Probleme leben und sich eigentlich wie völlige Idioten verhalten. Dabei ist ja die Grundfrage des Films faszinierend: Wie muß man die Welt und das Leben sehen? Ist eigentlich alles furchtbar, oder absurd, oder ist alles verrückt und komisch? Natürlich sehnen wir uns alles nach Komik – vor allem und gerade in Deutschland!«

»Spannend wäre doch zum Beispiel gewesen, die beiden Lesarten in zwei völlig verschiedenen Welten spielen zu lassen«, werfe ich ein, »in einer durchaus wohlhabenden und in einer proletarischen, ähnlich wie in Johann Nestroys wunderbarem Stück Zu ebener Erde und erster Stock.«

»Ich habe einer meiner Regieklassen vor Jahren eine interessante Aufgabe erteilt, eine Art Versuchsanordnung«, sagt Jan Schütte als wir die weite Place Saint Sulpice überqueren, »ich zwang meine 14 Schüler, einen Kurzfilm zu drehen, der auf dem selben Script basierte. Was dabei heraus kam! Von der Total-Tragödie bis zur Total-Komödie war alles darunter, was man sich nur vorstellen kann – in 14 Variationen.«

Peter-Stephan Jungk, DIE WELT, 18.06.2005