Jan Schütte

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The best years of our lifes / William Wyler

Wilma is a swell girl

Billy Wilder, wohl einer der unsentimentalsten Regisseure, den Hollywood je gesehen hat, meinte zum Anfang von The best years of our lives: »Schon nach zehn Minuten, als Homer nach Hause kehrt, brach ich in Tränen aus. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen – und es ist ein ziemlich langer Film, drei Stunden lang. Dabei lache ich sogar bei Hamlet!« Was macht diesen Anfang, und damit den ganzen Film, so einzigartig?

Sommer 1945. Drei Soldaten kehren zurück in ihre Heimat. Sie fliegen in einer Militärmaschine, von Stop zu Stop, von Küste zu Küste. Sie sitzen in der Bomberkanzel einer B 17 und unter ihnen zieht Amerika vorbei, Flüsse, Strasse, Wälder, Städte, eine intakte Landschaft, ohne Zerstörungen, Verwüstungen, Ruinen. Eine Idylle, voller Hoffnung, Vorfreude, Sehnsüchte. Fred, Al und Homer, der im Bauch einer Fregatte im Pazifik beide Hände verlor, sind unterwegs nach Boone City, einer fiktiven Stadt in einem sehr realen Land. Würden sich in die lakonischen Dialoge nicht skeptische Töne mischen, man würde glauben, dies sei das glückliche Ende eines Kriegsfilms.

So beginnt William Wylers The best years of our lives. Die drei Soldaten aus Navy, Airforce und Army kehren zurück in eine ungewisse Zukunft. Hoch in der Luft schwärmen sie von der Vergangenheit. Schon auf dem Boden mögen sie sich kaum der Gegenwart stellen.

Eigentlich sind die drei wie Facetten einer Person, die hier zurückkehrt: Odysseus, der nach Ithaka nach Hause kommt, wo seine Penelope auf ihn wartet. Und obwohl die drei exemplarische Schicksale haben, ist jede Geschiche genau gezeichnet.

Homer, der in einer wunderbar lakonischen Einführung seine beiden Stahlprothesen vorführt (eher Klauen als Prothesen, die jedem Piraten Ehre machen würden), in dem er erst eine aus der Manteltasche zieht, um seinen Namen zu schreiben, dann die andere, um das Blatt festzuhalten, ist als einziger äußerlich verletzt. Tiefer aber liegen die inneren, unsichtbaren Verletzungen, die alle drei aus dem Krieg zurückbringen.

Homer ist auch der erste, der aus dem Taxi steigen muß. »I hope, Wilma is a swell girl« fragt sich Fred und benennt damit das zentrale Motiv des Films: wie sich die Zurückgebliebenen und die Zurückkehrenden wieder zusammen finden werden. Wilma hat den Krieg über auf ihre Jugendliebe gewartet. Als sie ihn nun, nach einem langen Moment des Betrachtens, in ihre Arme schließt, steht er stocksteif und erstarrt in seiner Angst vor jedem Mitleid. »Sie haben ihm zwar beigebracht, seine Prothesen zu benützen, aber nicht, seine Arme um sein Mädchen zu legen« bemerkt Al, als er mit Fred weiterfährt.

Jeder hat seine eigene Heimkehr, und nicht eine, die nicht verstörend ist. Fred, der Bankier, kann sich zu Hause nicht mehr zurecht finden und Al findet seine Frau erst gar nicht.

So irren sie durch ihr früheres Leben, das es so gar nicht mehr gibt. Elegant verbindet der Film die Erzählstränge, führt die Motive zusammen und verliert nie den Ariadne Faden seiner Geschichte. Er wechselt kongenial zwischen den Figuren, um die Probleme des einen beim nächsten aus einem anderen Winkel zu betrachen.

Dies alles wird durch die kongeniale Kamera Gregg Tolands untersützt, dessen Inovationen bei seiner Arbeit für Orson Welles Citizen Kane fast wie eine Vorübung wirken für diesen Film. Was dort noch expressionistische Experimente waren, dient hier vollkommen der Erzählung und tritt hinter die Geschichte zurück. Ganz unaufdringlich bringt die Kamera im trennenden und verbindenen Spiel von Vorder- und Hintergrund die Figuren zusammen, distanziert sie, zeigt Konstellationen auf. Immer wieder sind die drei Männer in einer Einstellung gemeinsam gefaßt, und alle Stadien ihrer Verhältnisse werden darin gespiegelt. Am klarsten vielleicht in jenem (berühmten) Moment, in dem Al zerstreut in einer Kneipe Homer und dessen Onkel beim Klavierspiel zuschaut, als ob er gleichzeitig dem Telefonat im Hintergrund lauschen wolle, das Fred mit seiner Tochter Peggy führt und in dem er die unerwünschte Verbindung mit ihr zu lösen sucht. Bilder, die ganz nebenbei vom Leben erzählen.

Homer kann die Liebe seiner Freundin nicht annehmen und verkriecht sich in sich selbst, ein Krüppel des eigenen Selbstwertgefühls, der unter dem Mitleid seiner Umgebung leidet. Fred findet keinen Platz mehr bei seinen Eltern, und schon gar nicht bei seiner Frau, einer attraktiven Blondine, mehr Pin Up Girl als Ehefrau. »I gave up the best years of my life« – aussprechen tut diesen Satz bezeichnenderweise sie, die den Krieg über in einem Night Club gearbeitet hat.

Verliebt war sie in den flotten Air Force Captain, den Kriegsheld in spe, den sie kurz vor seiner Abreise an die Front noch geheiratet hatte. Als er zurückkommt und wieder seinen Zivilanzug trägt, die Armeeabfindung zu Ende geht und keiner ihm einen anständigen Job geben will, ist die Enttäuschung groß. Sie überredet ihn noch einmal, die Uniform anzulegen. »Now you look like yourself« sagt sie, und für einen Moment stimmt das Bild wieder: seins und das von ihr selbst. Doch nicht mehr für ihn. Längst schon liebt er Als Tochter. Die Ehe, die nie eine wirkliche war, ist längst zerbrochen.

Al hingegen scheint in eine fast heile Welt zurückzukehren. Eine liebende Frau – Myrna Loy als die heimliche treibende und starke Kraft im ganzen Film – und eine Firma, die ihn sogleich befördert. Doch die ganze Ambivalenz des amerikanischen Traums, wie ihn Wyler hier schildert – und zwar ganz im Gegensatz zum einstigen Weggefährten Frank Capra – wird deutlich in einer brillianten Szene. Zu Ehren der Beförderung von Fred gibt seine Bank ein Bankett, auf dem er eine Rede halten soll. Er, der als Alkoholiker aus dem Krieg zurückgekommen ist, trinkt schon beim Weggehen selbst den Mixer aus. Als er aufsteht um seine Rede zu beginnen, ist er kann er sich kaum auf seinen Füßen halten.

Was er, betrunken, sagt, ist letztendlich eine große Abrechnung mit dem amerikanischen Traum, den, das hat er schon an seinem ersten Arbeitstag bei der Bank schmerzhaft erfahren, es so nicht mehr gibt. Er hält ein flammendens Plädoyer für diesen Traum, die Gemeinsamkeit, das Risiko, und weiß doch um dessen Vergebllichkeit. Am Schluß erhält er von all denen, die er angreift, rauschenden Beifall. Ein verlogener Beifall, auch er weiß dies nur viel zu gut.

In den Jahren zwischen Kriegsende und McCarthy Zeit passierte ein entscheidender Umbruch in den Vereinigten Staaten: es war der Abschied von den unschuldigen Idealen der Frank Capra Zeit. William Wyler gelingt es, die Veränderungen des Landes in diesen Jahre in einem Atemzug zu beschreiben und zusammenzufassen und auf den Punkt zu bringen. Wyler, ein gebürtiger Elsässer, war selbst in einer B 17 geflogen, er hatte Propaganda Filme gedreht und war stolz auf seine Kriegsteilnahme. Fast taub und desillusioniert kam er aus dem Krieg zurück. »Wenn man einen Film macht, der auf der ureigenen, persönlichen Erfahrung basiert, bekommt er eine tiefere, stärkere Farbe, weil man weiß, wovon man spricht« sagte er später. Vielleicht machte dies den überragenden Erfolg an der Kinokasse wie bei den Academy Awards aus: nach verkauften Karten gehört der Film noch heute zu den zehn erfolgreichsten amerikanischen Filmen aller Zeiten. 1947 gewann er 12 Oskars. Wyler war damit der erfolgreichste Regisseur seiner Zeit.

Im Film sind Lieutennant Freds Flügel am Ende genauso gestutzt, wie die der Flugzeuge, die er auf dem Schrottplatz zerlegt: nur die Liebe rettet ihn vor der vollkommenen Demontage. So ist denn auch Fred der eigentliche Odysseus, der von seiner Penelope gerettet wird, die unbeirrt an ihn glaubt. Sie finden sich wieder auf Homers Hochzeit, denn Wilma ist ein »swell girl« und hat mit ihrer Liebe auch die Bitterkeit in Homers Herz besiegt. Die Geschichte, die am Ende beginnt, läßt der Film offen. Kein ungebrochenes Happy End, denn die Zukunft, in die der Film seine Figuren entläßt, ist keineswegs rosig, eher steinig. Auch da war Wyler von weiser Voraussicht, eben ein Europäer, den das Pathos und die Selbstverliebtheit Amerikas skeptisch machte.