Jan Schütte

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Laudatio Thomas-Strittmatter-Preis

Sehr geehrter Herr Minister Prof. Dr. Reinhart, liebe Gabriele Röthemeyer,liebe Gertrud, lieber Emil, lieber Günther, liebe Preisträgerinnen und Nominierte, sehr geehrte Damen und Herren,

die Preisträger zu loben und zu beglückwünschen ist heute meine vornehme Aufgabe. Zugleich möchte ich heute dem Ministerium und der Filmförderung Baden-Württemberg ausdrücklich zu ihrer Entscheidung gratulieren, den Preis am zehnten Jubiläum umzutaufen in Thomas-Strittmatter-Preis.

Was bedeutet das?

Wer einen Anette-von-Droste-Hülshoff Preis ausschreibt, hat Anderes im Sinn, als wer einen Heinrich-Heine Preis ausschreibt, oder sagen wir – einen Thaddäus-Troll Preis. Der Namenspatron soll leuchtendes Beispiel sein, Wegweiser, Inspiration und Herausforderung zugleich.

Würde Thomas Strittmatter heute hier sein, wäre er jugendliche 46 Jahre. Er ist jung, viel zu jung gestorben. Sein Oeuvre als Autor ist von geradezu Büchnerscher Schmalheit: 8 Theaterstücke, ein Roman, 6 Drehbücher.

Ich hatte das große Glück, über eine Strecke von zehn Jahren sehr eng mit Thomas zusammenarbeiten zu dürfen. In dieser Zeit entstanden drei Drehbücher, aus denen drei Filme wurden, ein viertes Projekt wurde durch den plötzlichen Tod unterbrochen – eine Gaunertragikkomödie übrigens, angesiedelt im schon offenen, aber noch nicht wiedervereinten Berlin.

Wofür stand Thomas? Was bedeuten seine Texte, und – insbesondere seine Drehbücher? Und was hat Heimat für ihn bedeutet?

Beginnen wir mit seiner Heimat. 1984 fordert er vom Spiegel eine Richtigstellung:

»Sie haben mich als ›jungen, schwäbischen Autor‹ bezeichnet, wofür allein ich Sie schon regresspflichtig machen sollte (St. Georgen ist ein Grenzgebiet, daher sind die Leute hier heikel in solchen Dingen), des weiteren haben Sie, Ihre vorweg gehende Diffamierung ad absurdum führend, ausgeführt ›schwäbischer Autor schreibt in breitestem Alemannisch‹. Das macht die Sache noch weitaus schlimmer … Mein Vorschlag zur gütlichen Einigung: Ein kleiner Satz an geeigneter Stelle, etwa ›Strittmatter ist kein Schwabe. Entschuldigung!‹ Hochachtungsvoll (noch lange nicht versöhnt) Thomas Strittmatter, St. Georgen (Baden-Württemberg).«

In diesen Sätzen des – zwanzigjährigen! – Autors findet sich der ganze Strittmatter: Unbestechlich, seine Treffer mit dem Florett und nicht mit dem Säbel setzend, voller Witz und Ironie (nicht gerade die größte Stärke unseres Landstriches), mit großer Eleganz formuliert. Um mit Walter Jens zu sprechen: Heimat wird bei Thomas immer »aus der doppelten Perspektive betrachtet: aus der Nahsicht des Dazugehörenden und aus der Fernperspektive der Distanz«.

Thomas debütierte jung mit zwei Stücken für das Theater: Viehjud Levi und Polenweiher. Für den Film entdeckt wurde Thomas von der Südwestfunk-Redakteurin Susan Schulte.

Also adaptierte er Polenweiher für das Fernsehen. In der Zusammenarbeit mit dem gleichaltrigen Nico Hofmann lernte er neugierig, wissbegierig und unersättlich die Kunst des Drehbuchschreibens. Das Unausgesprochene wirken zu lassen, die Lakonie der Dialoge noch weiter zu treiben und – ganz besonders – die Kunst des Auslassen. »Ganz wichtig sind immer die Pausen«, sagte er. Der Film wurde – wie übrigens auch die posthume Verfilmung von Viehjud Levi durch Didi Danquart – ganz in der Umgebung von St. Georgen gedreht, auf heimischen Boden, in Sichtweite des Elternhauses.

In unseren gemeinsamen Büchern ließ er – thematisch wie geografisch – den Schwarzwald hinter sich. Er zog nach München, später nach Berlin. Die Geschichten spielten jetzt in Hamburg, Polen und New York, die Figuren kamen aus Pakistan, China, aus Afrika und Österreich und er schrieb Dialoge in einem babylonischen Sprachengewirr.

Thomas war ein Menschenfänger, zu allen Menschen gleich: ob mit den alten Emigranten vom Boardwalk in Brighton Beach, Brooklyn, New York, oder bei den Shampoovertretern in Itzehoe wie beim Dinner mit Sir Richard Attenborough in London.

Das war nun nicht mehr Schwarzwald und Dialekt. Gleichwohl konnte er all diesen Figuren in den Drehbüchern auf seine unvergleichliche Art eine eigene Sprache geben. Da sagt der eine illegale Immigrant über den anderen in der Küche von Drachenfutter: »gute Flädlesuppe, gute Aufenthaltsgenehmigung«. Prägnanter kann man Ausländerintegration nicht auf den Punkt bringen. Witziger wohl auch nicht.

»Herkunft nicht als Wappen, sondern als unvertauschbare Bedingtheit: die selbstverständliche Anerkennung dieser Bedingtheit; die Weltbürger-Attitüde, die immer eine nationale Befangenheit kompensiert, erübrigt sich.«

Ein Satz von Max Frisch über Bertolt Brecht zwar. Ein Satz, der für mich sehr auf Thomas zutrifft: weltläufig, aber mit einem klaren Verständnis von der eigenen Herkunft.

Befragt zur 1989 bevorstehenden, aber noch nicht realisierten Wiedervereinigung Deutschlands, antwortet er:

»Politische Grenzen interessieren mich nicht. Meine Heimat ist, wo ich herkomme, wo ich meine Freunde habe. Ich denke da eher regional. Mein Bier ist das alles nicht. Mein Bier ist Fürstenberg Bier.«

Bei aller Sanftheit war Thomas ein Künstler von hohen Prinzipien. Verhasst war ihm, wie er immer wieder unterstrich, ganz besonders, wer »Kunst für die Zahnärzte« machte. Nichts gegen Zahnärzte – was er damit vielmehr meinte, war eine Kunst, die den Patienten auf dem Zahnarztstuhl besänftigt und beruhigt, anstatt selbst den Bohrer an den kariösen Stellen anzusetzen, eine Kunst, die benebelt anstatt – auch – weh zu tun.

Gleichzeitig war Thomas aber auch immer ein Geschichtenerzähler, der auch unterhalten wollte, der Sinn für Witz und Ironie hatte, und Lust an der Komik des Alltäglichen.

Das also, liebe Gabriele Röthemeyer, und sehr geehrter Herr Minister, hatten Sie im Sinn, als Sie den Preis in Thomas-Strittmatter-Preis umgetauft haben. Das scheint mir ihre Utopie zu sein: Sie möchten Autoren mit offenen Augen, mit Ironie und Witz, und mit einem Blick auf die spannenden, versteckten Geschichten dieses Landes.

Und die sind gar nicht so einfach zu finden, wie die Jury festgestellt hat. Angesichts der Gesamtlage – und nicht aufgrund fehlender Einigkeit – hat sich die Jury entschieden, den Preis zu teilen und die beiden mit Abstand besten, aber gleichwertigen Drehbücher auszuzeichnen.

Der Thomas-Strittmatter-Preis 2008 geht zu gleichen Teilen an Bronjas Erbe von Beate Rygiert und an Es kommt der Tag von Susanne Schneider.

Es sind zwei Geschichten, die ganz aus dem Land und seiner Landschaft kommen und von ihren Menschen erzählen, beide Autorinnen leben auch in der Region, die sie beschreiben. Beide Drehbücher erzählen Geschichten, in denen die Vergangenheit in das Hier und Heute hineinspielt, und von Verstrickungen, die aus dieser Vergangenheit rühren.

Beide Autorinnen behandeln bekannte Themen der deutschen Vergangenheit und nehmen die politischen Hintergründe zum Anlass für familiäre Konflikte, die bis heute die Familien belasten. Beide Bücher zeigen, es ist nicht immer so, wie es scheint: Verstrickung und Schuldfragen finden nicht immer eine Lösung im Sinne von Auflösung.

In Bronjas Erbe sind die Verstrickungen in weiter Ferne und doch so nah. Sie lassen den 65-jährigen Johannes Zygler nicht zur Ruhe kommen, und so bricht er mit seiner Tochter Ewa zu einer Reise in die Vergangenheit auf, zu einer Reise nach Polen. Beate Rygierts Drehbuch erzählt, sehr persönlich, durchaus komisch und gleichzeitig sehr intensiv von jener Zeit, in der Zygler 11 Jahre alt war.

Der kleine Janek wird durch die Zeitläufe unschuldig schuldig, eine Schuld, für die Janek nur bedingt etwas kann. Bis in sein Alter kann Johannes das nicht verwinden. Bronjas Erbe ist auch eine Liebesgeschichte, und eine Geschichte der Annäherung zweier Völker, die es bis heute schwer miteinander haben und sich schwer miteinander tun: Deutsche und Polen. Ich weiß seit Auf Wiedersehen Amerika genau, wovon ich hier rede.

Susanne Schneiders Es kommt der Tag erzählt von der jüngeren Geschichte, vom »Deutschen Herbst« 1977 und seinen Folgen. Es geht um eine junge Frau, Alice, die auf der Suche nach ihrer Mutter ist. Alice wird getrieben von einer Ungewissheit, die ihr keine Ruhe lässt. Langsam, fast quälend, schält sich die Vorgeschichte heraus: Ihre Mutter Judith gehörte in den siebziger Jahren einer terroristischen Vereinigung an, bei einem Banküberfall erschoss sie einen Passanten. Inzwischen hat Judith ein neues Leben im Elsass angefangen und mit den Umständen der Tat auch ihre Tochter verdrängt.

Doch dann entdeckt die Tochter Judith in auf einem Zeitungsfoto. Als sie die Mutter mit sich und ihrer Geschichte konfrontiert, bricht Judiths neue Welt zusammen. Alice überlässt die Entscheidung am Ende der Mutter selbst, ob und wie sie sich der Polizei stellt; sie selbst ist – auch ohne Rache – von den Dämonen der Vergangenheit befreit.

Eine Katharsis ohne billige Schlüsse: das eint die beiden ausgezeichneten Bücher. Bronjas Erbe ist ein Erstlingsstück, entwickelt aus dem Roman derselben Autorin – voller Charme und mit noch vielen Optionen; Es kommt der Tag ist ein souverän erzähltes Stück einer Autorin, der man ihre Erfahrung anmerkt. Drehbücher sind – so sagte Thomas immer – fertig, wenn der Film seine Premiere hat. Drehbücher sind immer »Works in Progress«. Insofern zeichnet ein Drehbuchpreis auch immer etwas Vorläufiges aus, es wird sich noch verändern, verdichten, dann kommen die Schauspieler, der Regisseur, die Drehorte. Der Preis ist sozusagen eine Option, verbunden mit der Hoffnung, dass am Ende ein schöner Film steht.

Zum Schluss noch eine Anmerkung, im Sinne der ausgezeichneten Drehbücher, im Sinne der Bücher, die Susanne Schneider und Beate Rygiert noch schreiben werden, und auch in eigener Sache.

Wenn wir uns die Filmprojekte vorstellen, die unter der Flagge dieses Preises segeln sollen – und wir wünschen uns natürlich volle Fahrt voraus – , was wird mit ihnen in der heutigen Kinolandschaft passieren? Müssen wir nicht schauen, dass die Projekte, die hier ganz am Anfang der »Kette« gefördert werden, auch einen Platz finden, wenn der Film fertig ist?

Wir Regisseure erleben am eigenen Leibe, wie radikal sich die Kinolandschaft verändert. Es gibt viele Filme, es gibt sehr schöne Filme, aber sie finden immer weniger und kürzer ins Kino.

Baden-Württemberg hat eine unvergleichliche Theaterlandschaft – von Stuttgart bis hin zur meinen Freunden vom Theater Lindenhof in Melchingen. Ich träume von vergleichbaren Orten für das Kino, an denen sich Repertoire, Nachlese und Premieren die Waage halten, ich träume von einer Festspielstätte jenseits vom Programmkino und Kommunalen Kino. Das wird auf Widerstand treffen – aber in Zeiten, in denen das Programmkino viele Filme nicht mehr spielen kann oder spielen will sollte man über einen solchen Ort sehr ernsthaft nachdenken, wenn man die Saat, die mit diesem Preis gesät wird, auch ernten will.

Thomas hat sich schwer getan mit der deutschen Theater-Landschaft, der Sucht nach Erstaufführungen, dem Mangel an Inspiration, den er den Intendanten vorwarf.

Seine Hinwendung zum Drehbuch und zum Film – vielleicht sogar seinem größeren Talent – war eher aus der Not geboren. Dass sein Name am Ende am meisten mit Kino, dann vielleicht mit seinem grandiosen Roman Raabe Baikal, und am Ende erst mit dem zeitgenössischen Theater in Verbindung gebracht wurde, hat ihn geschmerzt. Wie er sich in der heutigen Film-Landschaft fühlen würde – ich weiß es nicht. Es ist schön, dass Sie diesen Preis nach ihm benannt haben.

Ich wünsche mir, dass die heutigen und künftigen Preisträger ihn in Ehren halten. Und ich wünsche mir viele schöne Drehbücher und Filme, denen er zur Geburt verhilft, wie dem Kalb, das am Anfang von Raabe Baikal geboren wird: auch das brauchte einen Dammschnitt, um endlich auf die Welt zu kommen.

Im Namen der Jury möchte ich den Preisträgern von Herzen gratulieren.

Berlin, 13.2.2008, Jan Schütte