Jan Schütte

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Verloren in Amerika

Lost in America

Critic

Eine halbe Stunde ist nicht viel Zeit, um uns Menschen, Schicksale gar, vorzustellen. Man kann sie verplempern, zuquatschen mit Informationen, die keine sind, wie Wolf von Lojewski, man kann sie nutzen wie Jan Schütte, indem man sich einläßt auf diese Menschen, indem man ihnen Raum gibt. […]

Bei Jan Schütte wird nicht geredet, es wird gesprochen. Auch hier gibt es Off-Texte, die über Bilder gelegt sind. Doch sie vermitteln nur knappe Fakten über Brighton Beach, anderthalb Stunden von Manhattan entfernt, wo es niemanden gibt, »der nicht aus Europa kommt«. Dann aber läßt Schütte seine Menschen erzählen: Abraham Herzhaft, der polnische Jude, bereitet »gefillte Fisch« und dabei rollt ein ganzes Leben vorbei, eine Odyssee durch die Welt, Sibirien eingeschlossen. Frau Maria, seit 27 Jahren in New York, spricht kein Wort Englisch. Eine stille Beobachtung, ein einziger Satz umreißt eine Situation. Brighton ist ein Getto, auch für die junge russische Familie aus Odessa, die hier ein neues Leben anfangen will, aber dann: raus.

Raus will auch Irving Lanzhart; in Hamburg ist er geboren, er wurde deportiert, kam über Japan hierher. Jetzt will er zurück nach Deutschland. Der Antisemitismus wächst in Amerika, sagt er. Das letzte Bild zeigt ihn durch eine Scheibe, isoliert vor seiner Tasse Kaffee: verloren in Amerika. Das ist auch ein Stück über die Ökonomie der Mittel.

Joachim Hauschild, Süddeutsche Zeitung, 12.7.1989