Jan Schütte

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Winckelmanns Reisen

Winckelmann’s Travels

Interview

Jan Schütte im Gespräch mit HIER+JETZT-Mitarbeiter Dieter Oßwald

HIER+JETZT: Wie kam es zu der Idee von Winckelmann?

Jan Schütte: Die Grundidee war, jemanden zu zeigen, der immer ums ökonomische Überleben kämpfen muss und nie Zeit für sich selbst hat. Nach Drachenfutter wollte ich etwas ganz anderes machen. Das hier ist nun eine Komödie von Fehlern, eine unmögliche Liebesgeschichte mit ständig verpassten Gelegenheiten und Missverständnissen. Und außerdem haben Thomas Strittmatter, der Mit-Autor, und ich lange Zeit unter Schuppen gelitten.

HIER+JETZT: Ist Ihr Kino der kleinen Leute auch Kino für kleine Leute?

Jan Schütte: Es sind sicher Filme, die von jedermann angeschaut und akzeptiert werden können. Bei Drachenfutter hat sich das jedenfalls eingelöst: Sogar weltweit konnte man sich mit dieser Geschichte identifizieren. Ich denke, Winckelmann ist für jedermann zugänglich, weil es einfach um menschliche Kernproblematiken geht.

HIER+JETZT: Drachenfutter war politisch, Winckelmann sehr privat …

Jan Schütte: Das Sujet von Drachenfutter ist zwar hoch politisch, behandelt wird es aber höchst privat. Es geht darum, wie die einzelnen unter den Folgen dieser Politik leiden. Winckelmann erzählt eine sehr persönliche Geschichte, zeigt aber trotzdem auch sehr klar, wie das gesellschaftliche System funktioniert. Wie vereinbart einer sein Privatleben und seine Arbeitssituation? Was sind die Folgen des Konkurrenzprinzips dieser sozialen Marktwirtschaft? Und das nicht abstrakt, sondern am Beispiel der beiden Figuren.

HIER+JETZT: Der Film ist sehr minimalistisch, die kleinen Töne dominieren …

Jan Schütte: Man muss ja nicht immer mit einem bombastischen Feuerwerk die Zuschauer niederschmettern. Man kann auch mit sehr kleinen, elliptischen Erzählformen arbeiten, ohne dabei auf die Nähe und die Gefühle für die Figuren zu verzichten. Mit solch kleinen Momenten lässt sich eine viel intensivere Stimmung erreichen als mit dieser gigantischen Gefühlssauce.

HIER+JETZT: Deswegen auch Schwarz-Weiß?

Jan Schütte: Ich bin keineswegs ein Schwarz-Weiß-Dogmatiker, das hat sich bei beiden Filmen einfach vom Sujet her angeboten. Das hat zu tun mit der Landschaft, mit den Leuten und einer gewissen Zeitlosigkeit. Diese Schleswig-Holstein ist eine Landschaft, die zwischen den 50er bis 90er Jahren changiert, da ist die Zeit oft stehengeblieben. So bot es sich an, diese Tristesse in Schwarz-weiß zu transformieren.

HIER+JETZT: Berühmte Kino-Gretchen-Frage: Wieso machen Sie Filme?

Jan Schütte: Ich lerne es eigentlich noch … Ich kann Geschichten erzählen, die mir am Herzen liegen. Man kann Sachen und Stimmungen mitteilen – eine Chance, die man sonst nur schwer hat. Für mich ist Filmemachen auch eine Form, eine gewisse unersättliche Neugier zu stillen – es ist ein großes Vergnügen!