Jan Schütte

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Drachenfutter

Dragon’s Chow

Critic

… Unter dem gleichen Titel hatte er einen Dokumentarfilm über einen pakistanischen Blumenverkäufer in Hamburg gedreht. Weil er aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden war (der Dokumentarfilm blieb hinter den Erkenntnissen seiner Recherchen zurück), wendet sich der 1957 in Mannheim geborene Regisseur dem Stoff noch einmal – und jetzt fiktional – zu.

In den 79 Minuten seines in sehr kontraststarkem schwarz-weiß gedrehten Drachenfutters erzählt er aus der Welt der asiatisch-afrikanischen Asylsuchenden, ihrer deutschen Nutznießer und von den Ämtern und der Polizei. Es ist eine traurige Geschichte, episodisch auf- und abgeblendet, die sich da meist im dunklen Schatten eisiger Hamburger Nächte abspielt; freilich nicht auch ohne Humor und mit Herzenswärme.

Die offenkundige Parteinahme des Regisseurs für die Miserablen hat Fassbinderische Empathie; auch besitzt Jan Schütte den Mut zu erzählerischer Lakonie und zu einem erstaunlichen Naturalismus, was die Sprache angeht. Es wird pakistanisch und chinesisch gesprochen; nur wenn sich die Ausländer über ihre Sprachgrenzen hinweg miteinander verständigen wollen, verfallen sie auf ein Pidgin-Deutsch, das man in seiner reinen Form nur hört, wenn sich Behördenvertreter äußern – oder ein deutscher Gast sich über das Essen beschwert.

Diese Erfahrung der unübersetzten und nicht-untertitelten Fremdsprachen und des Basis-German ist vielleicht noch aufregender, irritierender als die unsentimentale, jedoch gefühlvolle Poesie der Bilder von Drachenfutter. Der erste Spielfilm Jan Schüttes ist ein Versprechen, das viele schöne Möglichkeiten zeigt, die der Regisseur später bei anderen Arbeiten wird wirklich einlösen müssen. Erfreulich ist es jedoch schon, daß sich die neue Generation unseres Films so entschieden und einläßlich Lebensbereichen unserer Gesellschaft zuwendet, die an der Peripherie bürgerlicher Wahrnehmung liegt.

Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau über Drachenfutter anlässlich der Filmfestspiele in Venedig 1987

 

Drachenfutter hießen früher die Blumen, die man in der Kneipe kaufte, um die Frauen daheim zu beruhigen und die Nudelrolle zu polstern. Heute, da die Drachen ungeniert mit in den Kneipen sitzen, beruhigt man das eigene nagende Gewissen, wenn man einem Asylanten fünf Treibhausrosen abkauft.

Vor zwei Jahren hat Jan Schütte einen fünfzehminütigen Dokumentarfilm über asylsuchende Blumenverkäufer gedreht, und weil er fand, daß das noch nicht genug war, reicht er jetzt diesen Spielfilm nach. Dabei hat er gründlich nachgedacht und keine authentisch betroffenen Laienschauspieler genommen, sondern Schauspieler, und zwar gute, denn die gibt es ja hie und da.

Bhasker zum Beispiel (der pakistanische Blumenverkäufer) ist ein Inder aus Unganda, der in London Theater spielt; Buddy Uzzaman (sein Freund) ist ein aus 300 indischen und pakistanischen Filmen berühmter Starkomiker; Ric Young (der chinesische Kellner) kommt uns allen bekannt vor, weil er in Indiana Jones und im Letzten Kaiser wirkte, und Ulrich Wildgruber steht am Herd und meckert. Es ist eine Wonne.

Ko-Autor Thomas Strittmatter hat nicht etwa Sätze in falschem Deutsch hingeschrieben, die dann Ausländer, die richtiges Deutsch können, falsch aufsagen müssen, und zwar falsch falsch, sondern über das renommierte Besetzungsbüro The Casting Company von Debbie Williams in London ließ man sich Ausländer vermitteln, die erst noch ein bißchen Deutsch lernen mussten, woraufhin sie dann ihren Text richtig falsch sprechen konnten.

Außer richtigem falschen und richtigem richtigen Deutsch wird noch Urdu, Mandarin, Swahili, Sanskrit, Gujarati und sonst was gesprochen, und auf die Frage von Monika (Ulrike Purschke): »Wo kommt ihr eigentlich her?« antworten die beiden Pakistani: »Aus Klein-Flottbek«. So kommt es doch noch ein bißchen herum in der Welt, mein kleines Hamburg.

Der Film endet natürlich traurig, aber es macht einen froh: endlich ein gelungener deutscher Film, nicht zu lang und nicht zu laut, unauffällig, aber gut. Wie die Nummer 29 beim Chinesen (Won-Ton-Suppe).

Harry Rowohlt, Die Zeit, 12.2.1988

 

»Ein Film voller Achtung und Zuneigung für jene, die um nichts anderes kämpfen als ihren kleinen Platz im Leben.«

FAZ

 

»Eigentlich traurig, aber trotzdem humorvoll ist dieser Spielfilm, dem der Dokumentarfilmer Jan Schütte einen fast dokumentarisch wirkenden Charakter zu geben verstand.«

Wiesbadener Kurier, 11.10.1988