Jan Schütte

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Fette Welt

Fat World

Critic

Fette Welt
Deutsches Obdachlosen-Drama

In Filmen sind sie entweder rührende Jammergestalten, versoffene Witzfiguren oder einfach nur eine Gelegenheit für die Hauptdarsteller, ihnen gegenüber besonders böse oder besonders edel zu sein. Regisseur Jan Schütte macht jene, die wir abfällig »Penner« oder politisch korrekt »Wohnsitzlose« nennen, zu den Hauptfiguren eines berührenden Dramas.

Man kann sie kaum in einen Topf schmeißen: Obdachlos wird man aus den unterschiedlichsten Gründen, manchmal aus freiem Willen, aus Drogensucht, aus Unfähigkeit, die Zwänge des Lebens in unserer Gesellschaft zu ertragen. Die meisten von uns angepaßten und vergleichsweise wohlhabenden Menschen bekommen von ihrer Welt nicht viel mit: Wir sehen sie betteln, im Müll wühlen, im Suff herumpöbeln oder in stillem Elend scheinbar vor sich hinvegetieren. Unseren Blick richten wir nur Momente auf sie – um ein paar Groschen zu geben, betroffen wegzulaufen oder angewidert den Kopf zu schütteln. Jan Schütte richtet unseren Blick nun bewußt in ihre Welt und nimmt als Basis seiner Geschichte ein Buch von Helmut Krausser, der selbst ein »Penner« war.

Hauptfigur ist, nomen est omen, Hagen Trinker (Jürgen Vogel). Sein Name klingt wie ein schlechter Witz und sein Leben ist genauso: Ständig betrunken lebt er mit seinen Schicksalsgenossen in einem Rohbau, um sich vor der Oktoberkälte zu schützen: Die anderen haben Illusionen, Hagen hat seine Sehnsüchte ertränkt und trinkt weiter, damit sie nicht wiederkommen. Der junge Edgar (Lars Rudolph) zum Beispiel will »alles tun« für die heroinsüchtige Liane (Sibylle Canonica), folgt ihr wie ein Hund. Tom (Stefan Dietrich) träumt von Cambridge und Edda (Ursula Strätz) weiß genau, wie sie Hagen die letzten 30 Mark aus der Tasche ziehen kann. Doch da tacht plötzlich die 15jährige Ausreißerin Judith (Julia Filimonow) auf. Hagen verliebt sich in sie, will sie aber in ihre Welt zurückschicken.

»Liebe gibt es nur im Kino!« blafft er sie an, als sie ihm die Erwiderung seiner Gefühle gesteht. Dennoch finden sie zueinander. Das eben begonnene Märchen ist jedoch bald jäh zu ende, sie werden getrennt. Hagen weiß, daß er sie nur wiederfinden kann, wenn sein selbstgewähltes Leben eine Wende nimmt. Er nimmt noch einmal den Kampf auf …

Fette Welt ist ein Film über eine unmögliche Liebe und eine fremde Welt, die direkt neben unserer eigenen existiert. Mit sicherer Hand inszeniert und einem hervorragenden Ensemble versehen, umschifft er die Klippen von Klischees und Heuchelei und erzählt eine berührende, teils wahre Geschichte von Menschen, die uns näher sind, als wir wahrhaben wollen.

Rüdiger Wenk, WOCHENZEITUNG, 27.1.99

 

»Der Regisseur Schütte verzichtet auf Knalleffekte, er erzählt die Geschichte des Exils auf der Straße samt anrührender Lovestory in zurückhaltenden, ruhigen Bildern. Wie in Kraussers Vorlage sind die Figuren keine Abziehbilder, sondern authentische Charaktere, die sich zwischen Resignation, Wut und Irrsinn bewegen. Eingebettet in eine würdevolle Milieustudie beschreibt der Film so die kleinen Begegnungen des Lebens, die große Veränderungen bewirken, mit beachtlichem, filmischen Geschick.«

Jörg Böckem, DIE WOCHE, 29.1.99